Im Januar 2022 war ich in Elternzeit und hochmotiviert. Endlich hatte ich den Mut besessen und gründete mein eigenes „Unternehmen“, die Werbewerkelei. Ich war freiberuflich selbstständig. Den Wunsch hegte ich schon seit ca. 2009. Er stand auf meiner Bucketlist. Es war eines dieser Dinge, die ich gerne einmal ausprobieren wollte im Leben. Spoiler: Genau aus diesem Grund bin ich nicht traurig, dass ich meine Selbstständigkeit wieder abgemeldet habe. Ich habe mir einen Herzenswunsch erfüllt. Was kann es Schöneres geben!

Mein Geschätszweig war die Logoerstellung und das Social Media Marketing für leise, introvertierte Unternehmerinnen. Zum 31.12.2023 habe ich mein Business an den Nagel gehängt.
Leider habe ich festgestellt, dass das Dasein als „Unternehmerin“ doch nicht das Richtige für mich ist. Ich habe also eine wichtige (Lebens)erfahrung gesammelt.
Gründe für mein Scheitern
Schon in der Überschrift kannst Du erkennen: Es gibt nicht DEN einen Grund für meine Geschäftsaufgabe. Ich versuche einfach einmal, ein paar Beweggründe aufzuschreiben, kann aber nicht für die Vollständigkeit garantieren. Vielleicht liegen da noch ein paar mehr Gründe im Verborgenen, die ich gerade gar nicht „zu fassen“ bekomme. Und: Du wirst feststellen, dass manche Gründe miteinander verwoben sind und sich die einzelnen Aspekte schlecht trennen lassen.
Dann mal los!

Grund 1: ein pausenlos schlechtes Gewissen
Wie heißt es so schön? Du musst Prioritäten setzten! Das ist leichter gesagt, als getan. Ein „JA“ zum Business, bedeutete nämlich gleichzeitig ein „Nein“ zum Familienleben. Wenn ich etwas für mein Business tat, hatte ich ein schlechtes Gewissen, denn in dieser Zeit stand ich dann ja logischerweise nicht meiner Familie zur Verfügung. Wenn ich mich mit meiner Rolle als Mutter beschäftigte, oder meinem Hauptjob nachging, entwickelte ich ein schlechtes Gewissen meiner Selbständigkeit gegenüber. In mir brodelte es vor Unruhe, schließlich gab es so viel am Business zu tun. Dieses permanente Gespaltensein führte zu Frust, der alsbald auch körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und Herzrasen auslöste. Ein Zustand, den ich nicht mehr übersehen konnte und der natürlich eine Konsequenz von mir verlangte. Wenn ich wenigstens manchmal dem Hamsterrad entfliehen wollte, musste ich kürzer treten. Im Hauptjob und im Familienleben war mir das nicht möglich, also blieb nur das Onlinebusiness.
Grund 2: die Zeit
Kürzer treten mit einem Mini-unternehmen, welches sich noch im Aufbau befindet? Auf Grund eins folgt sogleich die Fortsetzung: Du kannst Dich nicht als Social Media Agentur etablieren, wenn du selber kaum postest. Mir fehlte die Sichtbarkeit. Im Grunde war ich der Inbegriff meiner eigenen Zielgruppe. Ich wollte meinen Kundinnen dabei helfen, sichtbarer zu werden und bekam es selbst nicht auf die Reihe. Es mangelte mir nicht an Ideen. Es mangelte mir an Zeit für die Umsetzung. Ich hatte mir ein paar Grafik-Vorlagen in meinen Firmenfarben erstellt und die Beitragserstellung machte mir Freude und ging mir leicht von der Hand. Trotzdem blieb mir oft nicht ausreichend Zeit, um meine Social Media Kanäle ausreichend zu bespielen. Es gehört ja nicht nur das Posten zur Arbeit, sondern auch das Interagieren mit anderen Profilen. Ich musst es schleifen lassen. Sicherlich ahnst du, dass das nicht gut gehen kann, wenn du noch nicht etabliert am Markt bist und dir die Bekanntheit fehlt!
Grund 3: mangelndes Durchhaltevermögen aufgrund meiner Scannerpersönlichkeit
Ich wäre unehrlich, wenn ich nur mein Zeitproblem und das schlechte Gewissen als Gründe angeben würde. Ein weiterer Aspekt liegt in meiner Persönlichkeit begründet: Ich bin ein begeisterungsfähiger Mensch, der sich gerne ausprobiert. Fotografieren, malen, journalen, bloggen… die Liste ist endlos. Problem: mein Antrieb ist die Neugier und die Wissbegier. Ab einem gewissen Punkt, habe ich genug über mein „neues Hobby“ gelernt. Dann beginnt es sehr schnell, mich zu langweilen.
Nein, gelangweilt war ich nicht von meiner Werbewerkelei. Aber ein gewisses Abflauen meiner Begeisterung kann ich nicht leugnen ;-). Als Einzelkämpferin war es für mich zunehmend schwierig, die Motivation hochzuhalten, insbesondere da ich merkte, wie schwierig es war, an Aufträge zu kommen. Es fühlte sich an, wie Rühren in flüssigem Zement. Ich steckte deutlich mehr Zeit ins Unternehm-chen, als ich an Fülle, Befriedigung und natürlich auch Geld wieder heraus bekam. Mein Interesse schwandt zusätzlich zum Ersterben der Anfangseuphorie. Und ich lernte auch immer weniger dazu. Einerseits hatte ich mich sehr ausführlich zu Contenterstellung und Social Media Marketing belesen. Meine Lernkurve wurde dadurch immer langsamer. Andererseits fiel es mir (wieder aufgrund mangelnder Zeit) schwer, mich weiterzubilden. Es gab noch einiges, was ich hätte in Angriff nehmen können, aber es war schon schwierig genug, den Status Quo zu halten.
Grund 4: der Perfektionismus
Wenn ich etwas mache, dann richtig! Ich hasse Halbheiten! Mich nur halb um die Familie kümmern oder um das Business ging nicht! Wie schon bei Grund eins beschrieben, führte das zu Frust bei mir. Selbst wenn ich etwas für die Werbewerkelei tat, war das in meinen Augen nicht professionell genug oder einfach ungenügend. Ich nahm mir immer mehr vor, als ich dann letztendlich umsetzen konnte.
Grund 5: der fehlende Rückhalt
So richtig bewusst wurde mir das erst, als ich meinem Mann von meinem Beschluss, die Selbstständigkeit zu beenden, erzählte. Seine Reaktion darauf war nämlich so: „Aha!“ Keine Frage nach den Gründen, keine Worte des Bedauerns oder der Erleichterung. Kein Versuch, mich davon abzuhalten. Nichts. Nur „Aha“. Ich musste mir jede Laptop-Zeit einmahnen. Wenn mein Mann beruflich im Büro zu tun hatte, dann ging er einfach. Wenn ich Zeit für mein Business brauchte, musste ich erst fragen, ob er sich in der Zeit um unseren Sohn kümmerte. Vieles ließ sich auch nebenbei am Smartphone erledigen. Oft genug hörte ich mir dann aber an, dass ich ja nur noch am Handy rumhängen würde. Das stimmte tatsächlich. Aber ich tat es ja nicht zum Vergnügen, sondern ich arbeitete gerade. Leider sah mein Mann das anders. Es kam immer mal wieder zu Konfikten deswegen. Er meinte, dass sich die ganze Arbeit ja doch nicht lohnen würde. Verschwendete Zeit! Ich meinte, dass es sich nicht lohnen KANN, wenn ich nicht dafür sorgte, dass der Laden lief… Ein Teufelskreis!
Zu seiner Verteidigung sei gesagt, dass wir nicht das klassische Elternmodell (Mann-Arbeit, Frau-Haushalt und Erziehung) leben. Er übernimmt viele „weibliche“ Aufgaben. Trotzdem denke ich, dass gewisse genderspezifische Dinge in die ganze Sache mit reinspielen.
Grund 6: Habe ich mich selbst nicht ernst genommen?
Habe ich selber Anteil daran, dass mich mein Mann nicht ernst nahm? Habe ich vielleicht ausgestrahlt, dass es mir nicht ernst genug ist mit der Selbstständigkeit? Habe ich des lieben Friedens willen meine Arbeit am Unternehmen öfter zurück gestellt, als es mir lieb war? Dazu habe ich mir noch keine abschließende Meinung gebildet, aber schon alleine das Dasein dieser Fragen zeigt mir, dass ich hier noch ein wenig nachfühlen muss. Wo Rauch ist, ist auch Feuer!
Grund 7: Überforderung und fehlende Belastbarkeit?
Warum schaffen es manche Frauen scheinbar spielend, Kind, Kegel und Karriere unter einen Hut zu bringen und ich nicht? Darauf habe ich keine Antwort. Bin ich weniger belastbar? Schlechter organisiert? Oder hat deren Tag einfach ein paar Stunden mehr als meiner? Ich weiß es wirklich nicht. Fakt ist aber: konzentrierte ich mich auf die Familienzeit, war ich mit meinen Gedanken oft noch im Hauptjob oder im Nebenjob. Mich belastete es, nie mit irgend etwas fertig zu werden. Ich war der Bauleiter von drei Baustellen: Familie, Berufsschule und Marketing-Service. In meinem Kopf rotierte es und ich googlete Begriffe wie „Hirnnebel“, weil ich so viel vergaß und mir nichts mehr merken konnte. Es stieg die Frustration und damit stellten sich die Symptome aus Grund eins ein. Meine Erkenntnis: Ich tauge nicht für Multitasking.
Grund 8: Introversion
Es fiel mir sehr schwer zu netzwerken. Das Vitamin B ist allerdings äußerst wichtig in der Selbstständigkeit. Nicht nur, um direkt zu Aufträgen zu kommen, sondern auch, um bekannter zu werden und Kontakte der Kontakte zu erreichen. Hier war nicht nur die Zeit der limitierende Faktor (tatsächlich finden viele Onlinetreffen vormittags oder zur Abendessen-Zeit statt), sondern auch mein Wesen. Es fällt mir megaschwer, andere Menschen direkt anzusprechen. Ich bin fest davon überzeugt, dass mir auch die regionale Offline-Vernetzung mit Oberlausitzer Unternehmerinnen hätte helfen können. Aber da ich hier nur zugezogen bin, habe ich kaum Kontakte. Weder finde ich Anschluss in schon bestehenden Netzwerken, noch bin ich in der Lage, eine eigene Gemeinschaft aufzubauen. Neue Leute lerne ich kaum kennen, da steht mir meine Introversion im Weg. Online ist es für mich etwas leichter zu netzwerken. Ein großes Interesse erreichte beispielsweise meine Blogparade mit dem Titel „Liebesbrief an Dein Business“ mit über 70 Teilnehmerinnen.
Grund 9: fehlendes Charisma
Hmm. Ich glaube, ich habe keine anziehende Aura. Ich spreche sächsich, bin dick und finde mich selber wenig telegen. Ich bin kein Mensch, bei dem man aufhört zu scrollen, weil ich auf Anhieb symphatisch wirke. Bleibt man mir an den Lippen hängen? Ich glaube nicht, denn mir fehlt die Ausstrahlung. Ich kann mich nicht gut verkaufen. Das liegt wahrscheinlich auch an meiner anerzogenen Bescheidenheit. Das ist natürlich mein rein subjektives Empfinden und ich glaube, die wenigsten Normalbürger finden sich selbst wirklich anziehend.
Grund 10: Auftragsangst
Viele Wochen war mein Alltag so voll, dass mich ein Auftrag überfordert hätte. Ich war also ganz froh, wenn ich keine Kundinnen hatte. Schlimmer noch: Ich hatte Angst, dass jemand Interesse zeigte. Und was tut man, wenn man vermeiden möchte, dass jemand auf sein Angebot aufmerksam wird? Richtig: Man vermeidet, darüber zu reden. Meine Posts, in denen ich meine Leistungen erwähnte, wurden immer weniger, weil ich Angst davor hatte, Arbeit zu bekommen.
Grund 11: das Imposter-Syndrom
Meine Auftragsangst vermischte sich mit meinem Imposter-Denken, dem Glaubenssatz, nicht gut genug zu sein. Wenn Du mehr über dieses Phänomen wissen möchtest, lies unbedingt den Gastbeitrag von Mim Gaisser. Obwohl meine Preise im Vergleich zu anderen Anbietern unterirdisch niedrig waren, fühlte ich mich ein wenig wie ein Gangster. Konnte ich denn Geld dafür verlangen, mein Wissen weiterzugeben? Obwohl mir meine Kundinnen bescheinigten, dass meine Instagram-Profilberatung mega hilfreich und ausführlich war, fühlte es sich für mich komisch an, für ein bisschen Analyse und Beratung Geld zu verlangen. Zwei geplante E-Books zum Thema Positionierung und Contentplanung stellte ich wegen meinem Imposter-Syndrom gar nicht fertig. Wer sollte sowas denn schon kaufen? Und überhaupt: Durfte ich über solche Themen überhaupt schreiben? Schließlich hatte ich ja keinerlei Berufsabschlüsse im Marketingbereich!
Grund 12: das liebe Geld
Ich hatte nie gegründet, um reich zu werden. Geplant war von Anfang an, dass ich meinen Hauptjob behalten wollte. Meine Werbewerkelei sollte lediglich so viel Gewinn abwerfen, dass ich davon beispielsweise unseren jährlichen Familienurlaub davon bezahlen konnte. Ein nettes Zubrot, mehr nicht. Ein wenig Genugtuung und Zufriedenheitsgeld. Im ersten Jahr machte ich 14 Euro Miese, nicht zuletzt, weil mir mein klägliches Einkommen direkt vom Elterngeld wieder abgezogen wurde (ein Unding, wie ich finde). Im zweiten Jahr erwirtschaftete ich einen niedrigen dreistelligen Betrag. Wenn ich meinen Stundenlohn berechnen würde, hätte ich vielleicht einen Euro pro Stunde verdient. Finanziell hat sich meine Selbstständigkeit also definitiv nicht rentiert. Glücklich bin ich darüber jedenfalls nicht.
Grund 13: Vergleiche
Ich gebe es zu: Heimlich schaute ich öfter nach links und rechts, als ich es mir vorgenommen hatte. Andere Profile bei Instagram sammelten schneller Follower als ich. Sie wirkten erfolgreicher. Wenn man tiefer forschte, zeigte sich zwar häufig ein anderes Bild. Ich ließ mich trotzdem häufig blenden und hatte dann ein schlechtes Gefühl. Das Onlinebusiness ist ein verdammt hartes Pflaster!
Grund 14: die Marketing-Bubble
Wenn ich mir so die verschiedenen Beiträge auf Instagram und LinkedIn betrachtete, fühlte ich mich oft negativ belastet. Da gab es die Angeber:innen, die mit ihren 100K Umsatz prahlten. „Das kannst du auch!“, raunten sie in jedem zweiten Post und wollten ihre Strategie verkaufen. Dann gab es die Verschwurbelten: „Du musst es nur manifestieren“, meinten sie und schoben Misserfolge auf das falsche Mindset. Und dann gabe es Leute wie mich, die die fehlende Sichtbarkeit als Hindernis Nummer eins ansahen und damit ihr Geld verdienen wollten. Ganz ehrlich: Ich fühlte mich unwohl in dieser Onlinebusiness-Marketing-Bubble. Ich habe weder das Schauspiel-Gen noch das ich-zieh-den-Leuten-das-Geld-aus-der-Tasche-Gen. Ich fühlte mich wie ein stiller Beobachter, der sich bewusst auszugrenzen versuchte. Ich wollte nicht dazugehören.
Grund 15: fehlende Struktur
Ich nahm immer nur dann meine Business-Aufgaben wahr, wenn ich Zeit hatte. Aus diesem Grund arbeitete ich nur sehr unregelmäßig an meinem kleinen Unternehmen. Mir fehlte eine sinnvolle Organisation, die ein wenig Verbindlichkeit schaffte. Vielleicht hätte es meiner Selbstständigkeit gut getan, wenn ich beispielsweise einen festen Business-Nachmittag in der Woche festgelegt hätte. Hinterher ist man immer schlauer!
Ein Blick hinter die Kulissen
Als ich auf Threads vom Entstehen dieses Blogbeitrags berichtete, bekam ich die Frage gestellt, WARUM ich über mein Scheitern berichten möchte. Ich glaube, diese Frage sagt sehr viel aus! Hätte man mir diese Frage auch gestellt, wenn ich einen Gründungsartikel angekündigt hätte? Sicherlich nicht. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass meine Scheiterungs-Posts eine sehr hohe Reichweite besitzen. Die Leute interessiert das sehr. Warum? Es ist immer noch verpöhnt und peinlich, über Schwächen zu berichten. Deshalb liest man auch so wenig darüber. Demzufolge ist es fast schon eine kleine Sensation, solche Beiträge zwische all den weichgespülten Erfolgsmeldungen zu entdecken.
Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz im Online-Marketing: Berichte nur über Misserfolge, wenn du daraus eine Lehre gezogen hast, die für deine Follower wichtig sein kann. Wir leben in einer Gesellschaft mit einer schlechten Fehlerkultur. Jeder macht Fehler, aber kaum einer gibt sie zu. Dies führt dann dazu, dass A) niemand etwas daraus lernt und B) eigene Fehler schlimmer wirken, als sie sind. Schließlich scheinen ja die anderen nie welche zu machen.
Ich habe an dieser Stelle gerne die Hosen runter gelassen. Für mich fühlt sich meine Geschäftsaufgabe nämlich nicht wie ein peinliches Versagen an, sondern ich sehe mich als Gewinnerin. Ich habe Erfahrungen gesammelt, mir einen Herzenswunsch erfüllt und virtuell viele neue Leute kennengelernt. Jetzt am Ende meine Unternehmensreise, habe ich Zeit für Selbstfürsorge gewonnen und brauche mir am Ende meines Lebens nicht den Vorwurf machen, „es“ nicht mal versucht zu haben. Am Ende bereut man ja meist nur das, was man NICHT getan hat.












































































