Wo ist der Mensch hinter dem Buch? Über KI, Vertrauen und die menschliche Spur im Selfpublishing

Ich bekomme inzwischen regelmäßig Anfragen von Autorinnen und Autoren, die mir ihre Bücher als Rezensionsexemplar anbieten. Gerade im Selfpublishing begegnen mir dabei sehr unterschiedliche Bücher. Einige sind noch ein bisschen rau an den Kanten, andere wirken sehr professionell, wieder andere sprechen mich schon über ihr Thema an, bevor ich überhaupt die erste Seite gelesen habe.

Je mehr Bücher mir angeboten werden, desto bewusster wird mir, dass ich längst nicht mehr nur danach entscheide, ob mich eine Geschichte interessiert. Ich schaue mir die Leseprobe und das Cover an, dann lande ich vielleicht auf der Website. Zum Schluss schaue ich noch, ob ein Instagramprofil vorhanden ist. Das bedeutet, ich bilde mir bereits ein Urteil, bevor ich das Buch überhaupt gelesen habe.
Das finde ich interessant, weil ich dieses Urteil gar nicht unbedingt für gerecht halte.
Ein Cover sagt nichts Sicheres über die Qualität eines Romans aus und eine schöne Website beweist kein gutes Manuskript. Ein sympathisches Instagramprofil macht noch keine gute Autorin. Und umgekehrt kann ein ziemlich unbeholfenes Cover ein wunderbares Buch verstecken.
Trotzdem beeinflusst all das meine Entscheidung.
Warum?
Weil ich beim Aussuchen eines Buches nicht nur nach Qualität suche. Ich suche auch nach Vertrauen.
Selfpublishing hat in den vergangenen Jahren enorm viel möglich gemacht. Wer ein Buch schreiben möchte, muss nicht mehr darauf warten, dass ein Verlag das Manuskript auswählt. Viele Dinge, die früher an große Strukturen gebunden waren, können heute von einzelnen Autorinnen und Autoren organisiert werden: Lektorat, Korrektorat, Buchsatz, Covergestaltung, Druck, E-Book, Hörbuch, Vertrieb und natürlich auch die Vermarktung. Es gibt für fast jeden Schritt Menschen, die ihr Handwerk beherrschen und ihre Dienstleistungen anbieten.
Das ist eine ziemlich schöne Entwicklung. Ein Buch kann heute entstehen, weil jemand eine Geschichte erzählen möchte, nicht weil irgendwo am Anfang ein Gatekeeper entschieden hat, dass diese Geschichte in ein Verlagsprogramm passt.

Nur verschiebt sich damit auch ein Problem:
Wenn immer mehr Bücher professionell produziert werden können, wird es für Leserinnen und Leser schwieriger, sich allein an der Oberfläche zu orientieren.
Ein professionelles Buch sieht professionell aus. Das ist zunächst einmal alles. Aber irgendwann stellt sich die Frage:
Welche Signale helfen uns eigentlich noch dabei, einem Buch zu vertrauen?
Vielleicht ist es genau deshalb kein Zufall, dass ich inzwischen so genau auf die kleinen Dinge achte. Ich möchte nicht unbedingt das Gesicht eines Autors sehen. Ein Mensch darf selbstverständlich entscheiden, wie viel er von sich zeigen möchte. Ein Autorenprofil muss für mich kein persönliches Familienalbum sein. Aber ich möchte irgendwo eine Spur dieses Menschen finden: Ein Satz auf der Website, der mir erzählt, warum diese Geschichte überhaupt entstand, oder ein Portrait. Vielleicht eine Leseprobe, bei der ich nach zwei Seiten denke: Ah, da schreibt jemand mit einer ganz eigenen Stimme.

Aber ich hasse Marketing. Und ich möchte, dass mein Roman ausschließlich für sich spricht. Ich bleibe lieber im Hintergrund…

Solche und ähnliche Aussagen von Autor:innen lese ich immer wieder auf Instagram. Dabei wären Schriftsteller:innen früher vielleicht sogar froh gewesen, präsenter sein zu dürfen. Autorinnen und Autoren mussten sich lange darauf verlassen, dass der Verlag ihr Buch nach außen vertritt. Der Verlag kümmerte sich um Cover, Klappentext, Pressearbeit, Buchhandel und im besten Fall auch darum, wer über das Buch spricht. Zwischen dem Menschen, der ein Buch geschrieben hat, und dem Menschen, der es später liest, lagen eine Menge trennende Hürden.
Social Media hat diese Hindernisse kleiner gemacht.
Heute kann eine Autor:in selbst erzählen, warum sie dieses Buch geschrieben hat. Sie kann zeigen, woher eine Idee kam, woran sie jahrelang gearbeitet hat, was sie bei der Recherche entdeckt hat oder welche Figur ihr besonders nahegeht. Sie kann mit Leserinnen und Lesern ins Gespräch kommen, bevor diese überhaupt die erste Seite ihres Buches gelesen haben. Und sie kann eine Beziehung aufbauen, die früher in dieser Form gar nicht möglich war. Ich finde das großartig.
Denn genau dort entsteht etwas, das kein Klappentext leisten kann: Nähe.

Nicht jede Autor:in muss dafür täglich posten und ihr Privatleben zeigen. Und niemand muss sich zur Influencer:in machen, nur weil er ein Buch veröffentlicht hat. Aber die Möglichkeit, selbst sichtbar zu werden, ist da. Und ich glaube, wir unterschätzen manchmal, was für ein Geschenk das für Autorinnen und Autoren sein kann.
Gerade deshalb finde ich es schade, wenn diese persönliche Ebene vollständig durch eine möglichst perfekte Außenwirkung (oder keine) ersetzt wird. Denn wenn heute ein Mensch sein Buch praktisch direkt zu mir nach Hause bringen kann, möchte ich manchmal auch ein bisschen etwas von diesem Menschen auf dem Weg dorthin entdecken.

Die Sache mit den KI-Covern

Ich stelle mir das wie bei einem Auto vor: Die Geschichte ist der Motor. Darin steckt die eigentliche Arbeit. Die Figuren, die Recherche, die Sprache, die Jahre, in denen jemand an dieser Geschichte gearbeitet hat. Aber irgendwann braucht dieser Motor eine Karosserie.
Natürlich macht die Karosserie den Motor nicht besser.
Aber sie entscheidet darüber, wie ich das Auto zum ersten Mal wahrnehme. Ob ich stehen bleibe und neugierig werde, oder ob ich weitergehe. Beim Buch ist das Cover diese Karosserie.
Es muss nicht teuer aussehen und auch nicht besonders spektakulär sein. Aber es sollte etwas in mir auslösen. Spoiler: KI-Cover schaffen das bei mir nicht!


Das habe ich kürzlich besonders deutlich bei einem Cover gemerkt.
Ein Autor hatte mir einen historischen Roman angeboten, der mich vom Inhalt her wirklich interessiert hat. Eine Familiengeschichte über mehrer Generationen. Genau die Art von Roman, bei der ich normalerweise neugierig werde.
Das Cover zeigte ein Bild, welches mit generativer KI erstellt worden war, und der Autor hatte das auch transparent angegeben. Trotzdem hatte ich ein Problem damit. Ich musste eine Weile darüber nachdenken, warum eigentlich, denn der Autor hatte mich nicht belogen. Im Gegenteil: Er hatte offen gesagt, wie das Cover entstanden war. Ich wusste also, dass ich keiner Täuschung aufgesessen war. Trotzdem fühlte es sich für mich ein bisschen so an.
Und irgendwann habe ich verstanden, warum: Ich hatte in diesem Bild Leidenschaft gesucht und nicht gefunden. Da setzt sich einer Monate, wenn nicht sogar Jahre hin und schreibt einen Roman. Und dann klatscht er mir eine KI-Hülle hin? Ich hatte das Cover nicht nur als dekorative Oberfläche betrachtet. Ich hatte darin eine Entscheidung gesehen.
Und plötzlich stellte sich heraus: Diese Spur, die ich glaubte zu lesen, war gar keine menschliche Spur.
Vielleicht ist das der Grund, warum sich sichtbare KI-Nutzung für mich manchmal fast wie Betrug anfühlt. Wenn ich ein Buch betrachte, gehe ich unbewusst eine kleine Beziehung ein. Da ist jemand, der etwas geschrieben hat, und ich bin jemand, der es lesen soll. Ich erwarte keine perfekte Person dahinter. Ich muss nicht alles über diesen Menschen wissen. Aber ich gehe zunächst einmal davon aus, dass das, was mir gezeigt wird, etwas über diesen Menschen und seine Geschichte erzählt.
Wenn ich dann erfahre, dass etwas, das ich als persönlichen Ausdruck gelesen habe, künstlich erzeugt wurde, entsteht eine merkwürdige Verschiebung. Ich bekomme einen Vertrauenskratzer.
Ich habe einem Bild eine Bedeutung gegeben, die es gar nicht hatte. Transparenz kann verhindern, dass ich getäuscht werde. Aber Transparenz kann nicht verhindern, dass sich mein Vertrauen verändert.

Vielleicht hat der Autor des historischen Romans hat seinem Cover zu wenig Bedeutung beigemessen. Oder ihm gefällt das Cover sogar wirklich. Andere Leserinnen und Leser werden es vermutlich völlig anders empfinden als ich. Ich kann nur sagen, was es bei mir ausgelöst hat. Und bei mir blieb diese Frage:
Wenn schon die äußere Spur künstlich erzeugt wurde, wo finde ich dann den leidenschaftlichen Menschen dahinter?

Gerade bei diesem Buch fand ich das besonders schade. Denn der Roman spielte in einer konkreten Landschaft, mit einer konkreten Geschichte und einer konkreten Verbindung des Autors zu dieser Region. Ein echtes Foto hätte für mich viel mehr erzählt. Es hätte nicht einmal besonders professionell sein müssen. Vielleicht wäre gerade die Unperfektheit interessant gewesen.

KI ist aber schnell und preiswert

Und da merke ich, dass meine KI-Kritik vielleicht gar nicht in erster Linie eine Kritik ist. Sondern es geht um Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Wenn ich einem Menschen meine Aufmerksamkeit schenke, möchte ich spüren, dass dieser Mensch mir ebenfalls ein bisschen Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt hat.
Ich brauche kein perfektes, teures Autorenfoto und keine tägliche Inszenierung auf Instagram.
Aber wenn ein Buch, sein Cover, die Website und das gesamte Autorenprofil so wirken, als könnten sie genauso gut für zehn andere Bücher und zehn andere Menschen verwendet werden, fehlt mir etwas.
Genau das macht Social Media für Autorinnen und Autoren eigentlich so interessant.
Denn zum ersten Mal müssen sie sich nicht ausschließlich darauf verlassen, dass ein Verlag für sie erzählt, wer sie sind. Sie können selbst zeigen, was hinter ihrem Buch steckt. Sie können ihre Leserinnen und Leser mitnehmen. Sie können Fragen stellen, Gedanken teilen, Recherche zeigen, über Figuren sprechen, über Zweifel erzählen. Sie können sichtbar machen, dass ein Buch nicht einfach eines Tages fertig auf einem Tisch liegt, sondern irgendwo angefangen hat: in einem Gedanken, einer Erinnerung, einer Beobachtung, einer Landschaft, einem Satz.
Das ist eine Möglichkeit, die ich großartig finde. Und genau deswegen sollten wir sie gerade deshalb nicht verschenken, indem wir die persönliche Ebene komplett durch perfekte, austauschbare Inhalte ersetzen. Authentizität kostet nichts!
Je einfacher es wird, eine professionelle Oberfläche herzustellen und Inhalte mit KI zu erstellen, desto interessanter wird das, was sich nicht so leicht kopieren lässt: Die individuelle Persönlichkeit der Autoren.

Persönlichkeit ist Trumpf

Nicht alles, was von Menschen gemacht wurde, ist automatisch besser. Das wäre genauso romantisch wie die Vorstellung, alles Künstliche sei grundsätzlich schlecht. Aber wir werden uns in einer Welt zunehmender Möglichkeiten irgendwann wieder fragen müssen, woran wir uns eigentlich orientieren. Wenn jedes Buch professionell aussehen kann, welches Buch verdient dann unsere Aufmerksamkeit? Wenn jedes Autorenprofil aus KI besteht, wem glauben wir dann?

Vielleicht werden deshalb Autor:innen wichtiger, die Persönlichkeit zeigen.
Ich merke das zumindest an mir selbst. Je mehr Rezensionsexemplare mich erreichen, desto weniger kann ich einfach alles lesen, was interessant klingt. Meine Lesezeit ist begrenzt. Also muss ich auswählen. Und je größer die Auswahl wird, desto wertvoller wird für mich Orientierung. Diese Orientierung erhalte ich aber nicht durch eine perfekte KI-Oberfläche, sondern durch Menschlichkeit. Einfach nur diese kleine, ziemlich unspektakuläre Gewissheit:
Da ist ein Mensch. Ich möchte wissen, was dieser Mensch geschrieben hat.

Buchrezension zu „Aufbruch zu mir“ von Petra Lupp

Darum geht es:

Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch nimmt Petra Lupp sich gemeinsam mit ihrem Mann eine längere Auszeit. Wohnung aufgeben, Wohnmobil unterstellen, Deutschland verlassen und für mehrere Wochen durch Thailand, Vietnam und Kambodscha reisen. Diese Reise lässt sich sehr gut mit ihr unternehmen. Petra Lupp beobachtet in ihrem erzählenden Sachbuch aufmerksam und hat ein gutes Gespür für kleine Szenen. Fischer, Märkte, Landschaften, Menschen, Städte und Begegnungen werden detailliert beschrieben. Dazu kommen viele Informationen über die bereisten Länder. Das ist interessant, abwechslungsreich und stellenweise sehr atmosphärisch.

Wo ich mehr erwartet hätte

Der Titel „Aufbruch zu mir“ weckt allerdings eine andere Erwartung: die, nach einer persönlichen Reise nach innen. Petra Lupp nimmt durchaus Erkenntnisse mit. Sie entdeckt, wie wichtig ihr Natur und Ruhe sind, dass sie nicht jedes touristische Highlight erleben muss und dass man seinen Sorgen nicht einfach davonreisen kann. Sie beschäftigt sich mit Selbstfürsorge, Gelassenheit und dem Gedanken, anders sein zu dürfen. Mir fehlte jedoch häufig der Schritt dahinter. Viele dieser Erkenntnisse werden eher als fertige Gedanken präsentiert, als dass ich ihren Entstehungsprozess miterleben konnte. Ich hätte gerne mehr von der Frau kennengelernt, die hinter diesen Erkenntnissen steht: Welche Muster haben sie in die Erschöpfung geführt? Was hat sie wirklich verändert? Und woran merkt sie nach ihrer Rückkehr, dass diese Reise etwas in ihr bewegt hat?

Ein Privileg, das mich beschäftigt hat

Ein Sabbatical dieser Art ist ein grosses Privileg. Petra Lupp reflektiert an einigen Stellen selbst, dass bestimmte Gedanken oder Reaktionen von ihr durchaus privilegiert wirken können. Gerade deshalb hätte ich mir hier noch mehr Auseinandersetzung gewünscht. Denn die Frage ist spannend: Was passiert mit einem Menschen, der schon sehr viel gesehen und erlebt hat? Wann wird aus bewusster Auswahl eine gewisse Übersättigung? Und was bedeutet es, wenn Dinge, die für andere ein einmaliges Erlebnis wären, für einen selbst kaum noch Reiz besitzen? Hier hätte das Buch für mich noch tiefer gehen können.

„Lieber umsteigen als aussteigen“

Besonders gut gefällt mir Petra Lupps Motto: „Lieber umsteigen als aussteigen.“ Darin steckt für mich eine der stärksten Ideen des Buches. Es muss nicht immer der radikale Neuanfang sein. Manchmal reicht es, die Richtung zu verändern. Auch #WerteWorteWandel finde ich als Gedanken sehr interessant. Welche Werte haben sich durch die Reise tatsächlich verändert? Welche Worte würde Petra heute anders wählen? Und woran zeigt sich dieser Wandel im Alltag? Genau diese Fragen bleiben für mich ein wenig offen.

Von der Reisejournalistin zur Reiseschriftstellerin

Spannend finde ich, dass Petra Lupp selbst ihren Weg von der Reisejournalistin zur Reiseschriftstellerin beschreibt. Den Schritt traue ich ihr durchaus zu. Sie kann beobachten und erzählen. Ihr Blick für kleine Details ist eine ihrer Stärken. Für mich liegt die nächste Entwicklung darin, diese Beobachtungen noch stärker mit ihrer eigenen Geschichte zu verbinden. Was macht ein Ort mit ihr? Was löst eine Begegnung aus? Was verändert sich dadurch in ihrem Denken? Dann würde aus der äusseren Reise noch stärker eine innere werden.

Mein Fazit

„Aufbruch zu mir“ hat mich als Reisebericht mehr überzeugt als als Selbstfindungsbuch. Ich habe viel über Thailand, Vietnam und Kambodscha erfahren und Petra Lupps Beobachtungen gerne gelesen. Aber ich hätte mir mehr persönliche Tiefe gewünscht. Weniger fertige Lebensweisheiten, mehr Einblick in den Prozess, der zu ihnen geführt hat. Ich bin sehr gerne mit Petra gereist und bin gespannt, wann die Fortsetzung des Buches erscheint. Vier von fünf Sternen.

Interview mit der Autorin Jule Marek

Kürzlich las und rezensierte ich Jule Mareks Roman „Wenn wir Frauen uns einig wären“. Nun durfte ich Jule zu ihrem Buch interviewen.

1. In deinem Roman geht es auch ums Tauchen. Woher kommt dein Wissen darüber?

Ich habe vor 16 Jahren tauchen gelernt, obwohl ich das schon viel früher geplant hatte. Ich bin schon als Kind nie geschwommen, habe immer nur getaucht. Meine Taucherfahrung beschränkt sich auf warme Gewässer. Zuletzt war ich am Great Barrier Reef in Australien, 5 Tage auf einem Boot, jeden Tag  5-6 Tauchgänge. Unter Wasser ist für mich ein Ort, an dem ich total entspanne. 

2. Warum spielt das Buch in Florida?

Ich brauchte einen Ort, an dem es Riffe gibt, um dem Tauchen, so wie ich es kenne, Platz einzuräumen. Im Mittelmeer muss man sehr tief tauchen, um annähernd so schöne Spots zu finden und die Tierwelt ist anders. Und ich wollte diese amerikanische Smalltown als Schauplatz, in der ich eine eigene kleine Welt schaffen konnte, in der die Geschichte funktioniert.

3. Warum ist dir das Thema weiblicher Zusammenhalt so wichtig?

Ich war Geschäftsführerin in einem frauendominierten Unternehmen. In dieser Rolle habe ich mich im Innenverhältnis mit Frauen in Gruppen  und im Außenverhältnis mit Männern auseinandergesetzt, die um Macht und Einfluss rangen. Zwischen den Ansichten und der Art,
sich zu behaupten von beiden Gruppen lagen Welten. Während ich die Frauen motiviert habe, selbstbewusst zu sein, und gemeinsam um die Sache zu kämpfen, war ich bei den Männern auf der Suche nach Substanz hinter ihrem großspurigen Auftreten. Das beschäftigt mich sehr, genau wie das Gefühl, nicht ins Raster ‚Frau‘ zu passen. Als Geschäftsführerin war das gut, aber im Sozialleben ist das schwierig. Ich halte eine Rede vor 100 Leuten, aber zu einer Gruppe Frauen dazustoßen kostet mich Überwindung.

4. Wie sind die vier Frauen entstanden und welcher Charakter fiel dir am leichtesten zu schreiben?

Ich wollte eine nette, eine geradlinige und eine fiese Frau aufeinandertreffen und zur Sprache kommen lassen. Deshalb bekam jede ihre eigene Stimme. Denn das ist die Wahl, die du unter Frauen hast: Füge dich ein (Lenie), stich alle anderen aus (Sena) oder geh allein, weil du aneckst (Rics). Rics fiel mir am leichtesten. Ich finde eine kämpferische Hauptdarstellerin fiel einfacher zu schreiben als eine, die wie Lenie zögert oder wie Sena den offenen Kampf meidet. Ich wollte aus Sena eigentlich eine fiese Bitch machen, die intrigiert.  Aber das funktioniert nicht aus ihrer POV, denn eine Bitch sieht sich selber nicht als Bitch. Madlin brauchte ich als Grund für die Frauen, ihre Ansichten zu überwinden. Bei Männern wäre es wahrscheinlich ein Überlebenskampf gewesen, Frauen einigt eher die Not anderer.

5. Wie wichtig war Lenis Entwicklung für die Geschichte?

Für mich war jede Entwicklung gleich wichtig. Rics Kampf liegt im Außen, Lenie kämpft mit sich selbst und Sena kämpft mit Erwartungen ihrer Familie. Rics Rückzug, Senas pragmatischer Egoismus, Lenies Selbstzweifel an ihrer Wahrnehmung – alles sind für mich Auswirkungen der patriarchalen Welt. Lenie verkörpert, wie man uns Frauen gern hätte – empathisch, sich für andere einsetzend, das Glück in der Beziehung suchend. Nach dem Motto: Frauen kämpfen für andere, Männer kämpfen für sich selbst. Wenn Frauen für sich selbst kämpfen, werden sie schräg angesehen – von Männern UND Frauen. Deshalb wird Lenie positiver als Sena wahrgenommen. Aber Lenie darf sich selbst nicht aus dem Blick verlieren. Und ganz anders drauf zu sein, so wie Riks und Sena, hat genauso seine Berechtigung als Frau. Wir brauchen die Toleranz in den Köpfen der Frauen, mindestens genauso sehr wie in den Köpfen der Männer. Sonst wird das nichts mit gleichberechtigter Teilhabe. Und kommt mir nicht mit: So sind wir eben. Die Männer lassen wir damit auch nicht durchkommen.

6. Was hat dich an den Themen Lokalpolitik und Journalismus gereizt?

Das Buch spielt in einer Smalltown, die als Spiegel unserer Welt funktioniert, dazu gehören Politik und Journalismus. In der patriarchalen Gesellschaft dreht sich alles um Macht, Geld und Information bzw. Meinungsbildung – das sind ihre Waffen. Die Männer nutzen diese selbstverständlicher als wir, viele Frauen gehen diesen Themen aus dem Weg . Uns ist anderes wichtig. Aber damit machen wir uns was vor. Wir müssen mitmischen und uns mit diesen Waffen beschäftigen, in Politik und Wirtschaft. Denn sie beeinflussen unser Leben unmittelbar. Und da diese Waffen nicht unsere erste Wahl sind, sollten wir einander helfen, statt uns gegenseitig anzuzweifeln. Gemeinsam ist das leichter.

7. War von Anfang an geplant, dass aus persönlicher Solidarität politisches Engagement wird, oder hat sich das so ergeben?

Eigentlich wurde es Engagement in allen Bereichen, sozial, persönlich, aber auch politisch. Es war für mich logisch. Ich wollte die Frauen nicht erneut auf den sozialen Bereich beschränken, darauf werden wir zu oft reduziert. Und reduzieren uns teilweise auch selbst darauf, weil es bequemer ist. In einer Gesellschaft gehört Politik dazu, dort werden die Regeln gemacht, die über unsere gesamtgesellschaftliche Teilhabe entscheiden. Man kann Soziales und Politisches nicht trennen. Wie oft wollte ich eine kompetente Frau befördern, die abgewunken hat. Teilhabe muss man nicht nur einfordern, sondern auch wahrnehmen.

Liebe Jule Marek, ich wünsche dir viele begeisterte Leser:innen und alles Gute für zukünftige Schreibprojekte. Danke für das Interview!

Buchrezension zu „Wenn wir Frauen uns einig wären“ von Jule Marek

Im Roman „Wenn wir Frauen uns einig wären“ von Jule Marek geht es um mehrere Frauen in einer Kleinstadt in Florida mit unterschiedlichen Charakteren und Vorstellungen davon, wie das Leben und das Frausein eigentlich aussehen sollte. Was zunächst nach leichter Sommerlektüre mit Strand, Sonne und ein bisschen Liebe klingt, entwickelt sich sehr schnell zu einer Geschichte über weibliche Solidarität, patriarchale Strukturen und die Frage, was passieren kann, wenn Frauen anfangen, sich gegenseitig den Rücken zu stärken.

Überhaupt fand ich die gesellschaftliche Ebene sehr interessant. Hinter der Geschichte um die vier Frauen steckt nicht nur eine ziemlich deutliche Kritik an patriarchalen Strukturen. Später kommen auch Lokalpolitik und die Frage hinzu, wer in einer Kleinstadt eigentlich Einfluss darauf nimmt, wie sich Dinge verändern. Aus dem persönlichen Zusammenhalt der Frauen wird dadurch zunehmend etwas Politisches. Das hat für mich gut funktioniert, weil die Botschaft in die Handlung eingebettet bleibt.

Der Schreibstil

Das Buch liest sich flott. Ich bin gerade im zweiten Teil durch die Seiten gezogen, wie eine Sportschwimmerin. Die Handlung wird immer spannender und irgendwann ist man so tief in Richport und den Geschehnissen dort drin, dass man einfach wissen möchte, wie es ausgeht. Besonders eine Tauchszene ist mir dabei im Gedächtnis geblieben. Sie ist beklemmend, spannend und so beschrieben, dass ich beim Lesen tatsächlich ein bisschen mit der Luft angehalten habe. Nebenbei vermittelt der Roman viel Wissen übers Tauchen, ohne dass es sich für mich wie ein eingeschobener Sachbuchteil angefühlt hätte. Was es da alles zu beachten gilt, hätte ich nie gedacht!

Sprachlich hat mir der Roman gefallen, ohne herausragend zu sein. Er ist flüssig und gut lesbar. In manchen Dialogszenen war für mich nicht ganz sauber zuzuordnen, welche Person gerade sprach.

Die romantischen Elemente haben mir gefallen. Hier wird erfreulicherweise nicht alles ausbuchstabiert. Eine Liebesgeschichte entwickelt sich eher zwischen den Zeilen und lässt Raum für eigene Gedanken. Das mochte ich sehr.

Eine kleine Kritik

Meine größte Schwäche des Romans liegt bei den Figuren. Gerade am Anfang hatte ich häufig das Gefühl, dass die Charaktere sehr klar auf bestimmte Rollen verteilt sind. Besonders die Männer sind für mich stark in Gut und Böse eingeteilt. Die guten Männer haben kaum schlechte Seiten, die problematischen Männer kaum etwas, das ihr Verhalten in irgendeiner Weise menschlicher oder widersprüchlicher machen würde. Auch bei den Frauen bleiben die charakterlichen Grundzüge teilweise ziemlich eindeutig.

Dabei muss ich meine erste Einschätzung ein wenig korrigieren: Die Figuren entwickeln sich durchaus. Besonders Leni macht eine schöne Entwicklung durch und wächst im Laufe der Geschichte über sich selbst hinaus. Auch die zunächst sehr unterschiedlichen Frauen finden immer mehr zueinander. Trotzdem werden die Figuren dadurch für mich nicht automatisch vielschichtiger. Sie verändern ihr Verhalten und ihre Position, bleiben in ihrer grundsätzlichen Charakterzeichnung aber eher eindimensional.

Trotzdem: Ich habe dieses Buch wirklich gern gelesen. Es ist ein spannender, leicht zugänglicher Roman mit Sommerfeeling, Liebe und Liebesleid, gesellschaftlichen Themen und einer Gruppe von Frauen, die mir im Laufe der Geschichte tatsächlich ans Herz gewachsen sind.

So sehr, dass ich am Ende gedacht habe: Eigentlich würde ich ganz gern wissen, wie es mit diesen Frauen weitergeht. Und das, obwohl ich eigentlich gar keine Fortsetzungen mag.

Meine Bewertung

Für mich sind das vier einhalb Sterne von fünf, weil er mich über viele Seiten hinweg bestens unterhalten hat und gleichzeitig gesellschaftskritisch ist.

Buchrezension zu „Voll im falschen Film“ von Wiebke Lorenz

Dieses Buch hat eine ordentliche Portion „Lies mich“.
Ich wollte immer nur noch ein Kapitel lesen und habe dann doch weitergelesen. „Voll im falschen Film“ ist rasant, turbulent und voller Höhen und Tiefen. Die Geschichte entwickelt einen enormen Sog, obwohl die Spannung für mich gar nicht unbedingt wie bei einem klassischen Thriller funktioniert. Ich wollte einfach wissen, wie es mit Nora weitergeht und befand mich zwischendurch in einer Art Leserausch. Erschienen ist der Roman im Pendragon Verlag.

Worum geht es?

Nora ist Schauspielerin und trockene Alkoholikerin. Bis sie in einen Keller voll mit Alkohol eingesperrt wird, sodass ihre Sucht wieder eine zentrale Rolle in ihrem Leben einnimmt. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, was eigentlich hinter dem Ganzen steckt. Und so verschiebt sich der Fokus im Verlauf der Geschichte immer wieder zwischen Sucht, persönlichem Schicksal und Kriminalfall.

Besonders gut gefallen hat mir, wie Wiebke Lorenz mit dem Thema Alkoholismus umgeht. Der Roman vermittelt viel über Sucht und unterschiedliche Formen von Alkoholabhängigkeit, ohne sich dabei wie ein Aufklärungsbuch anzufühlen. Genau das ist für mich eine der grossen Stärken des Buches: Die Informationen sind Teil der Geschichte und werden nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentiert.

„Alkoholismus ist die einzige Erkrankung, bei der man bestraft wird, sobald man Symptome zeigt.“ (S. 336)

Dieser Satz ist mir besonders hängen geblieben. Denn Alkoholabhängige werden gesellschaftlich noch immer sehr schnell auf ihr Verhalten reduziert. Der Roman schafft es, den Menschen hinter der Sucht sichtbar zu halten.

Auch die Familie bekommt dabei ihren Raum. Nora ist Mutter, und ihre Sucht hat damit Konsequenzen, die weit über sie selbst hinausgehen. Gleichzeitig ist da ihre eigene Mutter, die sich um ihre Tochter sorgt. Für mich war diese familiäre Ebene besonders interessant, weil sie zeigt, wie viele Rollen und Beziehungen von einer Sucht betroffen sein können.

Der Schreibstil

Sprachlich ist das Buch klar, salopp und angenehm direkt. Es wird wenig herumgeschmückt, und gerade das passt hervorragend zur Geschichte. Der Sprachstil ist im Endeffekt nüchterner als das alkoholvernebelte Hirn der Protagonistin. Und manchmal wird es dabei herrlich trocken:

„Tagelang hatte ich in meinem eigenen Schweiß mariniert und roch vermutlich entsprechend.“ (S. 192)

Genau diese Mischung aus Direktheit und Humor mochte ich sehr.

Interessant fand ich ausserdem, dass Wiebke Lorenz über eine Figur im Buch, die als Drehbuchautor arbeitet, auch noch Fachwissen über Dramaturgie und verschiedene Plotstrukturen in die Geschichte einfliessen lässt. Neben dem Wissen über Alkoholismus bekommt man damit ganz nebenbei noch einen kleinen Einblick in die Konstruktion von Geschichten. Das hat mir als Leserin und als jemand, der selbst schreibt, besonders gut gefallen.

Und dann ist da natürlich noch der Krimi. Ich hatte im Laufe der Geschichte durchaus einmal einen Verdacht, wer hinter allem stecken könnte. Das hat meinem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch getan. Die Auflösung war für mich trotzdem überraschend genug und vor allem hat die Geschichte bis zum Ende ihren Sog behalten.

Ich hatte zwischendurch sogar so sehr mit Nora mitgefiebert, dass ich mich dabei ertappt habe, wie sehr ich mir für sie ein gutes Ende wünsche. Und das will bei mir etwas heissen, denn grundsätzlich mag ich durchaus Bücher ohne Happy end.

Ob meine Hoffnung für Nora in Erfüllung gegangen ist, verate ich an dieser Stelle nicht.

Meine Bewertung

„Voll im falschen Film“ hat mich nicht nur sehr gut unterhalten. Der Roman hat mich über Alkoholismus nachdenken lassen, ohne dass ich mich dabei belehrt gefühlt hätte. Er erzählt eine spannende Kriminalgeschichte, gibt seiner Protagonistin gleichzeitig viel Raum und schafft es, eine gesellschaftlich wichtige Thematik ganz selbstverständlich in die Handlung einzubauen. Für mich ist das eine ausgesprochen gelungene Mischung. Verdiente 5 von 5 Sterne!
Und ja: Dieses Buch würde ich uneingeschränkt weiterempfehlen.

Buchrezension zu „Kommissar Panowski“ von Axel Stamm

Ich glaube, dieses Buch wird polarisieren.
Der Untertitel „Kein Bretagne-Krimi“ ist dabei aber eine ziemlich faire Ansage. Denn einen klassischen Kriminalfall gibt es tatsächlich nicht. Es gibt Kommissare, aber Mord, Täter und Aufklärung? Fehlanzeige. Trotzdem habe ich mich keine Sekunde gelangweilt.

Worum geht es?

Im Mittelpunkt des Romans „Kommissar Panowski“ von Axel Stamm stehen zwei deutsche Kommissare, die im Rahmen eines deutsch-bretonischen Austauschprojekts in der Bretagne landen. Herr Haeberle bleibt dort und wird Teil dieses besonderen Ortes. Später kommt Kommissar Panowski hinzu.
Und dann passiert … erstaunlich wenig.
Stattdessen beobachtet Axel Stamm: Menschen, Beziehungen, Hunde, die Bretagne, das Schweigen, das Aufbrechen und Ankommen, das Fremdsein und das heimisch werden. Und die vielen Dinge, die zwischen Menschen passieren, ohne dass sie ausgesprochen werden.

Der Schreibstil

Seine Sprache bezeichnet der Autor selbst als lakonisch. Für mich ist sie vor allem klug und auf eine ganz eigene Art witzig. Wortspiele, feine Beobachtungen und kleine philosophische Gedanken wechseln sich ab. Es gibt Schachtelsätze, die auf dem Papier vielleicht zunächst sperrig wirken könnten und sich trotzdem wunderbar flüssig lesen.
Überhaupt passt die Sprache für mich wunderbar zu der Welt, die Stamm beschreibt: ruhig, rau, eigenwillig und manchmal ein bisschen verschlossen. Hier muss nicht ständig etwas geschehen, damit man weiterlesen möchte.
Und genau das finde ich an diesem Buch so bemerkenswert.

Mein Leseerlebnis

Wie schafft man es, einen Roman zu schreiben, in dem so wenig klassische Handlung passiert, und trotzdem einen solchen Lesesog zu erzeugen?
Bei mir hat es funktioniert.
Ich wollte nicht wissen, wann endlich der Kriminalfall beginnt. Ich wollte wissen, was Axel Stamm als Nächstes beobachtet, welchen Gedanken er daraus entwickelt und welche eigenwillige Formulierung er dafür findet. Ich musste häufig schmunzeln.

Im Epilog bringt der Autor selbst noch einmal auf den Punkt, worum es in seinem „Bericht“ geht: um Schweigen als Form der Kommunikation, um Selbstfindung und um die Eigenheiten verschlossener Menschen. Und plötzlich fügt sich vieles, was vorher wie kleine, voneinander unabhängige Beobachtungen wirkte, noch einmal zusammen.
Ob das jedem gefällt? Ich bezweifle es.
Wer vor allem Handlung braucht, könnte dieses Buch vermutlich als langatmig empfinden. Wer sich auf Sprache, Atmosphäre und Beobachtungen einlassen kann, findet hier vielleicht genau das, was mir so gut gefallen hat.

Eine Sache muss ich allerdings noch loswerden: das Axolotl.
Es ist auf dem Cover, in den Innenseiten und auf der Rückseite zu sehen. Ich habe das ganze Buch gelesen. Es kommt kein einziges Axolotl vor.

Vielleicht genauso wichtig:

Der gesamte Autorenerlös aus diesem Buch wird an Leseohren e. V. in Stuttgart gespendet, die sich für die Sprachförderung von Kindern einsetzen.
Ich finde, das passt wunderbar zu diesem Buch. Denn ausgerechnet ein Roman, der so sehr von Sprache lebt, von Zuhören, Schweigen und Kommunikation, unterstützt mit seinem Autorenerlös Kinder dabei, Zugang zu Sprache zu bekommen.
Damit schliesst sich für mich ein kleiner sprachlicher Circle-Kreis.

Meine Bewertung

Ein ungewöhnliches, ruhiges und trotzdem kurzweiliges Buch mit einer eigenwilligen und wunderschönen Sprache. Und für mich eines, das gerade deshalb noch eine Weile im Kopf bleiben wird.

Als angehende Autorin hat mir der Roman zwei Dinge gelehrt: Man muss sprachlich keinen Mainstream bedienen und man darf auch Bücher schreiben, in denen nicht auf jeder zweiten Seite eine neue „Katastrophe“ passiert, um die Handlung voran zu treiben.

Ich gebe dem Buch eine Leseempfehlung für Menschen, die schöne Sprache schätzen und gerne beobachten. 5 von 5 Sterne.

Buchrezension zu „Der Kernbeißer“ von Carmen Rohrbach

Was macht eine schwere Erkrankung mit einer Frau, die ihr ganzes Leben lang gelernt hat, vor allem auf sich selbst zu vertrauen?

Worum geht es?

Im Roman „Der Kernbeißer“, erschienen im Neissufer Verlag erzählt die Autorin Carmen Rohrbach autofiktional von einer Frau, die mit einer Krebserkrankung konfrontiert wird und diese weitgehend mit sich selbst ausmacht. Dabei geht es gar nicht ausschliesslich um die Krankheit. Die Erkrankung wird vielmehr zum Anlass, auf das eigene Leben zurückzublicken: auf ihre Kindheit und Jugend, auf ihre Flucht aus der DDR, auf ihre Familie, auf Beziehungen, Enttäuschungen und auf ihr lange gepflegtes Leben als Einzelgängerin.

Besonders interessant fand ich dabei ihren Umgang mit dem Alleinsein. Freiheit und Unabhängigkeit sind für sie lange selbstverständlich. Gleichzeitig wächst irgendwann die Sehnsucht nach einem Menschen, bei dem sie ganz sie selbst sein kann, mit dem sie die schönen und schwierigen Momente des Lebens teilen kann. Die Krebserkrankung scheint dabei eine Rolle zu spielen und verändert ihren Blick auf das eigene Leben noch einmal.

Inhaltlich fand ich diese Lebensgeschichte hochinteressant. Die Art, wie sie von ihrer Erkrankung erzählt, hat mich allerdings überrascht, denn Chemotherapie, Operation und weitere Behandlungen werden vergleichsweise nüchtern beschrieben. Es entsteht dadurch wenig Krankheitsdrama. Stattdessen wird die Erkrankung zu einem Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.

Der Schreibstil

Beim Lesen hatte ich immer wieder eine gewisse Distanz zur Protagonistin. Carmen Rohrbach berichtet viel über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse, auch über sehr existenzielle Gedanken. Ich verstand dadurch, was sie denkt und welche Erfahrungen sie geprägt haben. Was mir jedoch häufig fehlte, war das unmittelbare Gefühl dahinter. Ich beobachtete diese Frau beim Lesen eher, als dass ich sie wirklich erlebte.

Umso stärker wirkten auf mich die wenigen Szenen, in denen sich Gefühle aus einer konkreten Situation heraus entwickelten. Eine indirekte Begegnung mit ihrem Vater, bei der beide über eine besprochene Kassette versuchten, trotz der Trennung zwischen Ost und West miteinander verbunden zu bleiben, ist mir beispielsweise besonders im Gedächtnis geblieben. Solche Momente haben mich wesentlich stärker erreicht als manche der beschriebenen Erkenntnisse.

Der Roman ist für mich sehr kurzweilig und ließ sich flüssig lesen. Größere Längen empfand ich nicht, auch wenn es einzelne Szenen gibt, bei denen ich mich fragte, ob sie für die Geschichte tatsächlich notwendig sind.

Am Ende schließt sich mit dem Kernbeißer ein schöner Kreis. Aus dem Vogel, der zu Beginn tot gegen die Fensterscheibe fliegt, wird ein Lebewesen, um das sich die Protagonistin kümmert. Auch ihre eigene Entwicklung scheint sich zu einem neuen Lebensentwurf zu verdichten: Aus der Frau, die lange vor allem ihre Unabhängigkeit schätzt, wird eine Frau, die entdeckt, wie schön es sein kann, Erlebnisse mit einem Partner zu teilen.

Ein Gedanke

Trotzdem bleibt bei mir eine Frage offen: Ist diese Veränderung tatsächlich durch die Krebserkrankung entstanden? Oder wäre die Protagonistin vielleicht auch ohne die Krankheit irgendwann an diesem Punkt angekommen? Ihre Sehnsucht nach Nähe war schließlich schon vorher vorhanden.

Bestimmt lässt sich diese Frage gar nicht eindeutig beantworten. Und vielleicht ist gerade das interessant: Die Krankheit könnte eine Entwicklung ausgelöst haben, die ohnehin irgendwann ihren Weg gefunden hätte. Oder sie hat lediglich etwas beschleunigt, das bereits lange in ihr angelegt war. Wer weiß?

Meine Einschätzung

„Der Kernbeißer“ ist für mich ein interessantes, stellenweise berührendes und unterhaltsames Buch, das mich emotional allerdings nicht ganz erreichte. Vielleicht liegt genau darin auch seine Besonderheit: Es erzählt weniger davon, wie sich ein Leben anfühlt, als davon, was eine Frau aus ihrem Leben gelernt hat.

Ein Buch, über das ich nach dem Lesen mehr nachgedacht habe, als ich während des Lesens gefühlt habe.

Ich empfehle diesen Roman Leser:innen, die gerne Lebensgeschichten und Biografien lesen, in denen weniger die dramatische Handlung als die Gedanken und Erkenntnisse eines Menschen im Mittelpunkt stehen. Wer dagegen vor allem emotionale Nähe zu einer Figur sucht, könnte die beobachtende Erzählweise als distanziert empfinden. Das Buch erhält von mir 4,5 von 5 Sternen.

Lena Neve im Interview zum Roman „Nur ein Abschied“

In meiner letzten Rezension habe ich dir das gefühlvolle Buch „Nur ein Abschied“ von Lena Neve und Anna Cavelius vorgestellt. In dem Roman geht es um Trauer innerhalb einer Familie nach einem schweren Schicksalsschalg. Ich durfte der Autorin Lena Neve ein paar Fragen stellen und freue mich sehr über das Interview! Hier kommst du zu ihrer Website.

1. War von Anfang an geplant, dass die Lebensgeschichten der Eltern so viel Raum bekommen?

Ja, das war von Anfang an geplant. Jan, Simone und Lilien sind die engsten Zurückgebliebenen, und mir war wichtig zu zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit einem schweren Verlust umgehen. Dabei kommen auch alte Verletzungen und Unstimmigkeiten an die Oberfläche. Denn manchmal muss genau das passieren, damit Heilung möglich wird und Beziehungen am Ende klarer werden können.

2. Was war dir bei der Darstellung der unterschiedlichen Arten zu trauern besonders wichtig?

Mir war wichtig zu zeigen, dass jeder Mensch anders trauert und seinen eigenen Weg finden muss. Die Trauer selbst gehört zu einem Verlust dazu und muss durchlebt werden. Aber Leiden muss nicht sein. Genau das ist auch eine wichtige Botschaft des Buches: Die Trauer muss sein – das Leid muss es nicht.

3. Die Trauer des Pferdes nimmt eine kleine, aber besondere Rolle ein. Woher hast du dein Wissen darüber?

Die Geschichte der Stute beruht tatsächlich auf einer wahren Begebenheit. Tamina, die in unserem Roman Tara heißt, habe ich zu Lebzeiten nicht gekannt. Vieles über sie und ihre Stute habe ich später von ihrer Mutter erfahren.

Interessanterweise hatte ich selbst vor etwa drei Jahren plötzlich den intensiven Wunsch nach einer eigenen Stute – obwohl ich das früher nie geplant hatte, wir hatten immer Hunde. So kam Flamenca zu mir, eine Dressurstute, mit der ich meine ersten eigenen Erfahrungen mit Pferden sammelte. Heute leben insgesamt drei Pferde unter meiner Obhut – darunter auch Quirrida, Taminas echte Stute. Das ist für mich eine ganz besondere Verbindung zu ihrer Geschichte.

4. Es gibt im Roman eine kurze, spirituelle Szene. Warum war sie für dich so wichtig?

Diese kurze spirituelle Szene ist eigentlich der Schlüssel zur Entstehung des ganzen Romans. Tamina – unsere Tara – hat nach ihrem Tod die Verbindung zu ihrer Mutter behalten. Ihre Mutter ist hellhörig und konnte ihre Tochter Tamina wahrnehmen. Auf diesem Weg hat Tamina ihr im Grunde das Buch „Mama, lass uns die Welt erobern“ diktiert, das ihre Mutter anschließend aufgeschrieben hat.

Als ich dieses Buch gelesen habe, war das für mich der Schlüsselmoment. Alles hat plötzlich einen Sinn ergeben. Diese Erfahrung wollte ich in unserem Roman weitergeben – bewusst einfacher und lebensnah erzählt, damit auch Menschen einen Zugang finden, die mit Spiritualität bisher nichts zu tun hatten.

Für mich persönlich hat diese Erkenntnis mein Leben verändert. Es ist befreiend, das Leben mit all seiner Schönheit und seiner Schwierigkeiten als Ganzes anzunehmen. Und vielleicht verliert man dadurch auch ein Stück der größten Angst überhaupt: der Angst vor dem Tod.

5. Wie kam es dazu, dass du „Nur ein Abschied“ im Self-Publishing veröffentlicht hast?

Meine Co-Autorin Anna Cavelius war zunächst überzeugt, dass wir einen Verlag finden würden, da sie bereits eine etablierte Ratgeberautorin ist. Wir haben viele Verlage angeschrieben und teilweise gar keine Antwort erhalten. Von Piper bekamen wir aber nach der Prüfung des Exposés und der ersten Kapitel sogar ein sehr positives Feedback – dennoch war das Thema letztlich zu schwer und offenbar auch ein Wagnis für die Verlage. Deshalb habe ich irgendwann entschieden: Diese Geschichte soll trotzdem ihren Weg zu den Menschen finden. Und so haben wir uns für Self-Publishing entschieden.

6. Welcher Teil der Bucherstellung von der ersten Idee bis jetzt zur Vermarktung war der schwierigste Teil?

Die größte Herausforderung ist sicherlich die Sichtbarkeit. In diesem Bereich habe ich bisher wenig Erfahrung, und natürlich braucht eine gute Vermarktung auch Zeit. Deshalb werde ich mich dem Thema Sichtbarkeit voraussichtlich erst im Herbst oder gegen Ende des Jahres intensiver widmen können.

7. Was möchtest du, dass Leserinnen und Leser nach der letzten Seite aus deinem Buch mitnehmen?

Meine Intention ist, dass die Menschen nach dem Lesen für sich ein kleines bisschen beginnen die Fragen zu beantworten: Warum sind wir eigentlich hier? Was ist der Sinn unseres Lebens? Woher kommen wir und wohin gehen wir nach dem Tod?

Geburt und Tod verbinden uns alle. Wir alle kommen in dieses Leben, und wir alle werden es irgendwann wieder verlassen. Der Tod gehört zum Leben genauso wie die Geburt – und vielleicht nimmt uns dieses Bewusstsein ein Stück weit die Angst davor.

Der Gedanke, dass unser Leben einem größeren Plan folgt, kann etwas sehr Befreiendes haben. Er kann uns helfen, gelassener zu leben und unseren Blick stärker auf das zu richten, was im Leben wirklich wichtig ist❤️.

Buchrezension zu „Nur ein Abschied“ von Lena Neve und Anna Cavelius

Nur ein Abschied von Lena Neve und Anna Cavelius ist ein Roman über einen Verlust, der eine Familie aus ihrem bisherigen Leben reißt. Eine der beiden jugendlichen Töchter stirbt plötzlich, und zurück bleiben Eltern, die Schwester, ein Pferd und Menschen, die mit diesem Verlust auf ganz unterschiedliche Weise umgehen müssen.

Mein Leseerlebnis

Zu Beginn hatte ich beim Lesen ein ungewohntes Gefühl. Die unmittelbare Trauer der Familie wird so nah und intensiv erzählt, dass ich mich beinahe voyeuristisch gefühlt habe. Als würde ich in einen sehr privaten Moment hineinsehen, in den ich eigentlich gar nicht gehöre. Das war stellenweise unangenehm, hat mich aber gleichzeitig sehr stark an das Buch gebunden.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass „Nur ein Abschied“ weit mehr sein möchte als ein Roman über den unmittelbaren Trauerprozess. Die Lebensgeschichten der Eltern, besonders die des Vaters, nehmen einen großen Raum ein. Alte Verletzungen, Erfahrungen aus Kindheit und Jugend und prägende Erlebnisse werden erzählt und erklären, weshalb die Familienmitglieder so unterschiedlich mit dem Verlust umgehen. Das fand ich grundsätzlich sehr interessant.

Die Botschaft

Gerade darin liegt für mich eine der größten Stärken des Romans: Er zeigt, dass es keine einheitliche Art gibt zu trauern. Manche Menschen weinen, andere können kaum weinen. Manche ziehen sich zurück, andere funktionieren weiter. Für den einen bedeutet ein Verlust einen kompletten Bruch im Leben, während ein anderer nach außen scheinbar schnell wieder in seinen Alltag findet.
Und genau hier setzt für mich auch eine wichtige gesellschaftliche Botschaft des Buches an. Trauer ist von außen nicht immer sichtbar. Wie jemand trauert, sagt wenig darüber aus, wie tief der Verlust ihn getroffen hat. Ich finde es wichtig, dass Literatur solche unterschiedlichen Formen von Trauer sichtbar macht, denn noch immer wird das Verhalten Trauernder viel zu schnell bewertet.

Ist es eher ein Generationenroman?

Gleichzeitig hatte ich im Mittelteil des Romans das Gefühl, dass mir die Familiengeschichte irgendwann etwas zu viel Raum einnimmt. Ich hatte mich beim Lesen vor allem auf die Trauerarbeit dieser Familie eingestellt. Die Vergangenheit der Eltern und Großeltern ist zwar wichtig, und sie erklärt vieles, aber stellenweise entfernte sie mich ein wenig von der eigentlichen Geschichte: von der verstorbenen Tochter und von der Frage, wie die Zurückgebliebenen mit ihrem Verlust weiterleben.
Das ist für mich allerdings eher eine Frage der Gewichtung als ein grober Kritikpunkt. Denn die Familiengeschichten sind interessant erzählt und tragen dazu bei, die Figuren besser zu verstehen. Außerdem findet der Roman am Ende wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Das Abschiedsfest für das verstorbene Mädchen führt die verschiedenen Ebenen noch einmal zusammen und gibt der Geschichte einen stimmigen Abschluss. Ich habe dort tatsächlich geweint.

Der Schreibstil

Sprachlich hat mir der Roman ebenfalls sehr gut gefallen. Die Sprache ist angenehm und schön und ruhig, passend zum Anlass. Trotz des schweren Themas empfand ich die Geschichte nie als unangenehm schwerfällig. Es gibt sogar eine gewisse Spannung, obwohl „Nur ein Abschied“ insgesamt ein ruhiger Roman ist. Eine kleine spirituelle Ebene hat mich dabei stellenweise an „Die Hütte“ erinnert, auch wenn sie im Roman eher eine Nebenrolle spielt.

Was bleibt?

Was mir nach dem Lesen vor allem geblieben ist, ist der Gedanke, wie unterschiedlich Menschen und sogar Tiere mit Verlust umgehen und wie wenig wir manchmal sehen können, was in einem trauernden Menschen wirklich vorgeht.
Nur ein Abschied ist für mich deshalb ein berührender und wichtiger Roman über Verlust, Familie, alte Verletzungen und Verbundenheit. Ich hätte mir im Mittelteil etwas mehr Raum für die unmittelbare Trauerarbeit und etwas weniger Familiengeschichte gewünscht. Trotzdem hat mich das Buch emotional erreicht und mich noch einmal darüber nachdenken lassen, wie vorsichtig wir mit dem Urteil über andere Menschen und ihre Trauer sein sollten.
Ein ruhiges, intensives und sehr gefühlvolles Buch, das mir trotz kleiner Kritik lange im Kopf bleiben wird.

Leseempfehlung und Bewertung

Besonders empfehle ich das Buch Leser:innen, die nicht vor dem traurigen Thema zurückschrecken und psychologische Familienromane über mehrere Generationen mögen. Ich bin sehr froh, den Roman gelesen zu haben und gebe ihm 4,5 von 5 Sterne.

Buchrezension zu „Der Raum, der bleibt“ von Harry Kämmerer

„Wenn Eltern gehen, gerät das eigene Leben auf den Prüfstand.“ Dieser Satz steht unter dem Buchcover und war für mich tatsächlich ein wichtiger Teil dessen, mit welcher Erwartung ich an „Der Raum, der bleibt“ herangegangen bin. Der Autor ist Harry Kämmerer. Erschienen ist der Roman beim Verlag „Nagel und Kimche“.


Die Ausgangssituation des Romans hat mich sofort neugierig gemacht:  Anton, ein erfolgreicher Unternehmer einer Druckerei aus Südtirol, stirbt. Sein Sohn Thomas findet alte Kriegstagebücher und entdeckt darin eine Seite seines Vaters, die ihm bislang unbekannt war. Er bedauert nämlich, nicht intensiver mit seinem Vater über dessen Vergangenheit geredet zu haben. Anton hatte ein Leben vor seiner Familie. Ein Leben, in dem er sich während des Zweiten Weltkriegs freiwillig zur Wehrmacht meldete, weil er hoffte, dass Südtirol deutsch werden würde. Erst später erkennt er, dass er sich geirrt hatte und Hitlers Politik gefolgt war. Thomas beginnt zu recherchieren…

Für mich lag in dieser Ausgangssituation vor allem eine andere Geschichte: Was macht es mit einem Menschen, wenn er nach dem Tod eines Elternteils feststellt, dass dieser ein ganz anderes Leben geführt hat, als man selbst geglaubt hat? Wie verändert sich das Bild vom eigenen Vater? Und was macht man mit einem solchen Wissen? Genau diese psychologische und familiäre Ebene hätte mich besonders interessiert. Der Roman schlägt allerdings einen anderen Weg ein:

Nach dem Einstieg mit Thomas rückt Anton immer stärker ins Zentrum. Und so wird aus der Geschichte über einen Sohn, der seinen Vater neu kennenlernen muss, vor allem die Lebensgeschichte eines Mannes im Südtirol des 20. Jahrhunderts.

Und diese Lebensgeschichte ist durchaus interessant

Anton wächst in einer großen Familie auf. Auch seine Geschwister und deren Lebenswege spielen eine Rolle. Dazu kommen die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Südtirol, die Zeit des Nationalsozialismus, der Krieg und die Jahre danach. Besonders spannend fand ich die Frage nach der Zugehörigkeit Südtirols und die politischen Spannungen zwischen Italien und Deutschland. Anton ist dabei kein unbeteiligter Beobachter. Er trifft Entscheidungen, die er später anders beurteilen wird.

Dass die Figur auf einer realen Person beruht, wie der Autor im Nachwort erklärt, gibt dem Ganzen noch einmal eine besondere Dimension. Natürlich ist nicht alles tatsächlich so geschehen, einige Dinge sind für den Roman ergänzt oder weggelassen worden. Trotzdem hatte ich beim Lesen oft das Gefühl, einer Lebensgeschichte zu folgen, die stark an eine historische Biografie erinnert.

Vielleicht erklärt das auch ein Stück weit meinen Eindruck vom Erzählstil

„Der Raum, der bleibt“ erzählt sehr viel. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass der Autor möglichst viele Facetten dieses Lebens und dieser Familie unterbringen wollte. Neben Anton lernt man zahlreiche weitere Personen kennen, erfährt viel über seine Geschwister und deren Familien und bekommt immer wieder weitere Episoden aus ihrem Leben erzählt.
Vieles davon ist interessant. Trotzdem habe ich mich zwischendurch gefragt, ob es wirklich jede dieser Geschichten gebraucht hätte.
An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr erzählerische Konzentration gewünscht. Manche Szenen wirkten auf mich fast wie ein Anlass, um eine weitere Person oder eine weitere Information in die Geschichte einzuführen. Da geht beispielsweise jemand ins Café und trifft dort eine andere Person. Das Treffen selbst ist gar nicht unbedingt der entscheidende Punkt. Es schafft vielmehr die Möglichkeit, dass diese beiden miteinander sprechen und der Leser dadurch wieder etwas über einen weiteren Teil der Familiengeschichte erfährt. Dies ist einer der Gründe, warum sich das Buch für mich stellenweise so berichtend liest.

Auch die Dialoge haben diesen Eindruck bei mir verstärkt. Einige Gespräche wirken weniger wie ein natürliches Gespräch zwischen zwei Menschen, sondern eher wie Informationen, die zwischen zwei Figuren verteilt werden. Manchmal hatte ich deshalb das Gefühl, eigentlich einem Monolog zu folgen, der unnatürlich klang.

Das ist schade, weil gerade die Geschichte selbst durchaus viel hergibt.
Ich hätte mir mehr Nähe zu Anton gewünscht. Mehr von dem, was in ihm vorgeht. Was bedeutet es für einen jungen Südtiroler, sich für die Wehrmacht zu entscheiden, weil er glaubt, damit seiner Heimat zu dienen? Wie fühlt sich die Erkenntnis an, sich geirrt zu haben? Was bleibt von solchen Entscheidungen zurück, wenn Jahrzehnte vergangen sind? Der Roman bespricht zwar, DAS diese Entscheidungen gefallen sind, aber weniger, WAS diese Entscheidungen mit Anton gemacht haben. Und vor allem hätte ich mir mehr von Thomas gewünscht.

Denn für mich war Thomas eigentlich die Figur, die den Roman besonders interessant gemacht hat. Ein Sohn entdeckt nach dem Tod seines Vaters dessen Vergangenheit und muss damit leben, dass sein bisheriges Bild von diesem Menschen nicht mehr stimmt und so manche Lücke hat. Das ist eine Geschichte, in der sehr viel psychologische Tiefe steckt.
Am Ende schließt sich zwar der Kreis. Thomas kommt wieder ins Geschehen, und die Beerdigung, mit der der Roman beginnt, bildet zugleich den Abschluss. Dadurch bekommt das Buch eine schöne Klammer und wirkt als Ganzes rund.
Trotzdem bleibt bei mir die Frage, was Thomas nun eigentlich mit all dem Wissen macht.
Er weiß am Ende mehr über seinen Vater. Der Leser weiß sehr viel mehr über Anton. Aber die innere Auseinandersetzung des Sohnes mit diesem neuen Wissen hätte ich mir ausführlicher gewünscht.

Ich bin also mit den falschen Erwartungen an dieses Buch herangegangen. Das kann ich durchaus anerkennen. Wer einen psychologischen Familienroman erwartet, in dem vor allem die Auswirkungen eines lange gehüteten Familiengeheimnisses im Mittelpunkt stehen, könnte ähnlich überrascht sein wie ich.
Wer dagegen eine historische Lebensgeschichte sucht, die anhand einer Familie einen Teil der Geschichte Südtirols erzählt, dürfte mit „Der Raum, der bleibt“ deutlich mehr anfangen können.

Genau für diese Leserinnen und Leser möchte ich das Buch auch empfehlen

Für Menschen, die sich für Geschichte interessieren, für Leserinnen und Leser, die biografisch erzählte Geschichten mögen. Für alle, die mehr über Südtirol und seine bewegte Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren möchten und auch für diejenigen, die Freude daran haben, eine einzelne Lebensgeschichte vor dem Hintergrund großer politischer und gesellschaftlicher Veränderungen zu verfolgen.

„Der Raum, der bleibt“ ist für mich deshalb kein schlechtes Buch. Ganz im Gegenteil: Es erzählt eine interessante Geschichte und beschäftigt sich mit einem historischen Abschnitt, über den ich beim Lesen einiges erfahren habe. Nur die Art, wie diese Geschichte erzählt wird, hat mich nicht immer erreicht.
Mir fehlte die psychologische Tiefe, die ich aufgrund des Claims erwartet hatte. An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass der Roman sich etwas stärker auf seine zentrale Geschichte konzentriert.

Meine Bewertung

Am Ende bleiben deshalb vier von fünf Sternen und eine Leseempfehlung für die oben genannte Interessengruppe. Dieses Buch hat mir gezeigt, wie sehr die eigene Erwartung beeinflusst, was man aus einer Geschichte mitnimmt und das Erwartungen manchmal auch falsch sein können. Das macht die erzählte Geschichte nicht automatisch schlechter. Man muss nur bereit sein, sie als das zu lesen, was sie sein möchte.