Buchrezension zu „Nur ein Abschied“ von Lena Neve und Anna Cavelius

Nur ein Abschied von Lena Neve und Anna Cavelius ist ein Roman über einen Verlust, der eine Familie aus ihrem bisherigen Leben reißt. Eine der beiden jugendlichen Töchter stirbt plötzlich, und zurück bleiben Eltern, die Schwester, ein Pferd und Menschen, die mit diesem Verlust auf ganz unterschiedliche Weise umgehen müssen.

Mein Leseerlebnis

Zu Beginn hatte ich beim Lesen ein ungewohntes Gefühl. Die unmittelbare Trauer der Familie wird so nah und intensiv erzählt, dass ich mich beinahe voyeuristisch gefühlt habe. Als würde ich in einen sehr privaten Moment hineinsehen, in den ich eigentlich gar nicht gehöre. Das war stellenweise unangenehm, hat mich aber gleichzeitig sehr stark an das Buch gebunden.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass „Nur ein Abschied“ weit mehr sein möchte als ein Roman über den unmittelbaren Trauerprozess. Die Lebensgeschichten der Eltern, besonders die des Vaters, nehmen einen großen Raum ein. Alte Verletzungen, Erfahrungen aus Kindheit und Jugend und prägende Erlebnisse werden erzählt und erklären, weshalb die Familienmitglieder so unterschiedlich mit dem Verlust umgehen. Das fand ich grundsätzlich sehr interessant.

Die Botschaft

Gerade darin liegt für mich eine der größten Stärken des Romans: Er zeigt, dass es keine einheitliche Art gibt zu trauern. Manche Menschen weinen, andere können kaum weinen. Manche ziehen sich zurück, andere funktionieren weiter. Für den einen bedeutet ein Verlust einen kompletten Bruch im Leben, während ein anderer nach außen scheinbar schnell wieder in seinen Alltag findet.
Und genau hier setzt für mich auch eine wichtige gesellschaftliche Botschaft des Buches an. Trauer ist von außen nicht immer sichtbar. Wie jemand trauert, sagt wenig darüber aus, wie tief der Verlust ihn getroffen hat. Ich finde es wichtig, dass Literatur solche unterschiedlichen Formen von Trauer sichtbar macht, denn noch immer wird das Verhalten Trauernder viel zu schnell bewertet.

Ist es eher ein Generationenroman?

Gleichzeitig hatte ich im Mittelteil des Romans das Gefühl, dass mir die Familiengeschichte irgendwann etwas zu viel Raum einnimmt. Ich hatte mich beim Lesen vor allem auf die Trauerarbeit dieser Familie eingestellt. Die Vergangenheit der Eltern und Großeltern ist zwar wichtig, und sie erklärt vieles, aber stellenweise entfernte sie mich ein wenig von der eigentlichen Geschichte: von der verstorbenen Tochter und von der Frage, wie die Zurückgebliebenen mit ihrem Verlust weiterleben.
Das ist für mich allerdings eher eine Frage der Gewichtung als ein grober Kritikpunkt. Denn die Familiengeschichten sind interessant erzählt und tragen dazu bei, die Figuren besser zu verstehen. Außerdem findet der Roman am Ende wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Das Abschiedsfest für das verstorbene Mädchen führt die verschiedenen Ebenen noch einmal zusammen und gibt der Geschichte einen stimmigen Abschluss. Ich habe dort tatsächlich geweint.

Der Schreibstil

Sprachlich hat mir der Roman ebenfalls sehr gut gefallen. Die Sprache ist angenehm und schön und ruhig, passend zum Anlass. Trotz des schweren Themas empfand ich die Geschichte nie als unangenehm schwerfällig. Es gibt sogar eine gewisse Spannung, obwohl „Nur ein Abschied“ insgesamt ein ruhiger Roman ist. Eine kleine spirituelle Ebene hat mich dabei stellenweise an „Die Hütte“ erinnert, auch wenn sie im Roman eher eine Nebenrolle spielt.

Was bleibt?

Was mir nach dem Lesen vor allem geblieben ist, ist der Gedanke, wie unterschiedlich Menschen und sogar Tiere mit Verlust umgehen und wie wenig wir manchmal sehen können, was in einem trauernden Menschen wirklich vorgeht.
Nur ein Abschied ist für mich deshalb ein berührender und wichtiger Roman über Verlust, Familie, alte Verletzungen und Verbundenheit. Ich hätte mir im Mittelteil etwas mehr Raum für die unmittelbare Trauerarbeit und etwas weniger Familiengeschichte gewünscht. Trotzdem hat mich das Buch emotional erreicht und mich noch einmal darüber nachdenken lassen, wie vorsichtig wir mit dem Urteil über andere Menschen und ihre Trauer sein sollten.
Ein ruhiges, intensives und sehr gefühlvolles Buch, das mir trotz kleiner Kritik lange im Kopf bleiben wird.

Leseempfehlung und Bewertung

Besonders empfehle ich das Buch Leser:innen, die nicht vor dem traurigen Thema zurückschrecken und psychologische Familienromane über mehrere Generationen mögen. Ich bin sehr froh, den Roman gelesen zu haben und gebe ihm 4,5 von 5 Sterne.

Buchrezension zu „Der Raum, der bleibt“ von Harry Kämmerer

„Wenn Eltern gehen, gerät das eigene Leben auf den Prüfstand.“ Dieser Satz steht unter dem Buchcover und war für mich tatsächlich ein wichtiger Teil dessen, mit welcher Erwartung ich an „Der Raum, der bleibt“ herangegangen bin. Der Autor ist Harry Kämmerer. Erschienen ist der Roman beim Verlag „Nagel und Kimche“.


Die Ausgangssituation des Romans hat mich sofort neugierig gemacht:  Anton, ein erfolgreicher Unternehmer einer Druckerei aus Südtirol, stirbt. Sein Sohn Thomas findet alte Kriegstagebücher und entdeckt darin eine Seite seines Vaters, die ihm bislang unbekannt war. Er bedauert nämlich, nicht intensiver mit seinem Vater über dessen Vergangenheit geredet zu haben. Anton hatte ein Leben vor seiner Familie. Ein Leben, in dem er sich während des Zweiten Weltkriegs freiwillig zur Wehrmacht meldete, weil er hoffte, dass Südtirol deutsch werden würde. Erst später erkennt er, dass er sich geirrt hatte und Hitlers Politik gefolgt war. Thomas beginnt zu recherchieren…

Für mich lag in dieser Ausgangssituation vor allem eine andere Geschichte: Was macht es mit einem Menschen, wenn er nach dem Tod eines Elternteils feststellt, dass dieser ein ganz anderes Leben geführt hat, als man selbst geglaubt hat? Wie verändert sich das Bild vom eigenen Vater? Und was macht man mit einem solchen Wissen? Genau diese psychologische und familiäre Ebene hätte mich besonders interessiert. Der Roman schlägt allerdings einen anderen Weg ein:

Nach dem Einstieg mit Thomas rückt Anton immer stärker ins Zentrum. Und so wird aus der Geschichte über einen Sohn, der seinen Vater neu kennenlernen muss, vor allem die Lebensgeschichte eines Mannes im Südtirol des 20. Jahrhunderts.

Und diese Lebensgeschichte ist durchaus interessant

Anton wächst in einer großen Familie auf. Auch seine Geschwister und deren Lebenswege spielen eine Rolle. Dazu kommen die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Südtirol, die Zeit des Nationalsozialismus, der Krieg und die Jahre danach. Besonders spannend fand ich die Frage nach der Zugehörigkeit Südtirols und die politischen Spannungen zwischen Italien und Deutschland. Anton ist dabei kein unbeteiligter Beobachter. Er trifft Entscheidungen, die er später anders beurteilen wird.

Dass die Figur auf einer realen Person beruht, wie der Autor im Nachwort erklärt, gibt dem Ganzen noch einmal eine besondere Dimension. Natürlich ist nicht alles tatsächlich so geschehen, einige Dinge sind für den Roman ergänzt oder weggelassen worden. Trotzdem hatte ich beim Lesen oft das Gefühl, einer Lebensgeschichte zu folgen, die stark an eine historische Biografie erinnert.

Vielleicht erklärt das auch ein Stück weit meinen Eindruck vom Erzählstil

„Der Raum, der bleibt“ erzählt sehr viel. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass der Autor möglichst viele Facetten dieses Lebens und dieser Familie unterbringen wollte. Neben Anton lernt man zahlreiche weitere Personen kennen, erfährt viel über seine Geschwister und deren Familien und bekommt immer wieder weitere Episoden aus ihrem Leben erzählt.
Vieles davon ist interessant. Trotzdem habe ich mich zwischendurch gefragt, ob es wirklich jede dieser Geschichten gebraucht hätte.
An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr erzählerische Konzentration gewünscht. Manche Szenen wirkten auf mich fast wie ein Anlass, um eine weitere Person oder eine weitere Information in die Geschichte einzuführen. Da geht beispielsweise jemand ins Café und trifft dort eine andere Person. Das Treffen selbst ist gar nicht unbedingt der entscheidende Punkt. Es schafft vielmehr die Möglichkeit, dass diese beiden miteinander sprechen und der Leser dadurch wieder etwas über einen weiteren Teil der Familiengeschichte erfährt. Dies ist einer der Gründe, warum sich das Buch für mich stellenweise so berichtend liest.

Auch die Dialoge haben diesen Eindruck bei mir verstärkt. Einige Gespräche wirken weniger wie ein natürliches Gespräch zwischen zwei Menschen, sondern eher wie Informationen, die zwischen zwei Figuren verteilt werden. Manchmal hatte ich deshalb das Gefühl, eigentlich einem Monolog zu folgen, der unnatürlich klang.

Das ist schade, weil gerade die Geschichte selbst durchaus viel hergibt.
Ich hätte mir mehr Nähe zu Anton gewünscht. Mehr von dem, was in ihm vorgeht. Was bedeutet es für einen jungen Südtiroler, sich für die Wehrmacht zu entscheiden, weil er glaubt, damit seiner Heimat zu dienen? Wie fühlt sich die Erkenntnis an, sich geirrt zu haben? Was bleibt von solchen Entscheidungen zurück, wenn Jahrzehnte vergangen sind? Der Roman bespricht zwar, DAS diese Entscheidungen gefallen sind, aber weniger, WAS diese Entscheidungen mit Anton gemacht haben. Und vor allem hätte ich mir mehr von Thomas gewünscht.

Denn für mich war Thomas eigentlich die Figur, die den Roman besonders interessant gemacht hat. Ein Sohn entdeckt nach dem Tod seines Vaters dessen Vergangenheit und muss damit leben, dass sein bisheriges Bild von diesem Menschen nicht mehr stimmt und so manche Lücke hat. Das ist eine Geschichte, in der sehr viel psychologische Tiefe steckt.
Am Ende schließt sich zwar der Kreis. Thomas kommt wieder ins Geschehen, und die Beerdigung, mit der der Roman beginnt, bildet zugleich den Abschluss. Dadurch bekommt das Buch eine schöne Klammer und wirkt als Ganzes rund.
Trotzdem bleibt bei mir die Frage, was Thomas nun eigentlich mit all dem Wissen macht.
Er weiß am Ende mehr über seinen Vater. Der Leser weiß sehr viel mehr über Anton. Aber die innere Auseinandersetzung des Sohnes mit diesem neuen Wissen hätte ich mir ausführlicher gewünscht.

Ich bin also mit den falschen Erwartungen an dieses Buch herangegangen. Das kann ich durchaus anerkennen. Wer einen psychologischen Familienroman erwartet, in dem vor allem die Auswirkungen eines lange gehüteten Familiengeheimnisses im Mittelpunkt stehen, könnte ähnlich überrascht sein wie ich.
Wer dagegen eine historische Lebensgeschichte sucht, die anhand einer Familie einen Teil der Geschichte Südtirols erzählt, dürfte mit „Der Raum, der bleibt“ deutlich mehr anfangen können.

Genau für diese Leserinnen und Leser möchte ich das Buch auch empfehlen

Für Menschen, die sich für Geschichte interessieren, für Leserinnen und Leser, die biografisch erzählte Geschichten mögen. Für alle, die mehr über Südtirol und seine bewegte Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren möchten und auch für diejenigen, die Freude daran haben, eine einzelne Lebensgeschichte vor dem Hintergrund großer politischer und gesellschaftlicher Veränderungen zu verfolgen.

„Der Raum, der bleibt“ ist für mich deshalb kein schlechtes Buch. Ganz im Gegenteil: Es erzählt eine interessante Geschichte und beschäftigt sich mit einem historischen Abschnitt, über den ich beim Lesen einiges erfahren habe. Nur die Art, wie diese Geschichte erzählt wird, hat mich nicht immer erreicht.
Mir fehlte die psychologische Tiefe, die ich aufgrund des Claims erwartet hatte. An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass der Roman sich etwas stärker auf seine zentrale Geschichte konzentriert.

Meine Bewertung

Am Ende bleiben deshalb vier von fünf Sternen und eine Leseempfehlung für die oben genannte Interessengruppe. Dieses Buch hat mir gezeigt, wie sehr die eigene Erwartung beeinflusst, was man aus einer Geschichte mitnimmt und das Erwartungen manchmal auch falsch sein können. Das macht die erzählte Geschichte nicht automatisch schlechter. Man muss nur bereit sein, sie als das zu lesen, was sie sein möchte.

Interview mit der Autorin Nicole Czerwinka

Vor kurzem las ich Nicole Czerwinkas Roman „Das Geheimnis am Fjord“. Meine Rezension findest du hier: Buchrezension zu „Das Geheimnis am Fjord“ von Nicole Czerwinka

Nun durfte ich die Autorin interviewen.

Wie bist du auf das historische Thema gestoßen, das du im Roman aufgreifst?

Ich habe selber mal längere Zeit in Norwegen gelebt und dort war das Thema Zweiter Weltkrieg und die deutsche Besatzung Norwegens damals sehr präsent. Das kam auch durch den Kinofilm „Max Manus” über einen norwegischen Widerstandskämpfer.

Die Beschreibungen Norwegens wirken sehr lebendig. Bist du selbst häufig dort gewesen?

Ja, die Liebe hat mich nach Norwegen gebracht. Dann habe ich ein Auslandssemester in Kristiansand gemacht, dort gejobbt, die Sprache gelernt. Über vier Jahre lang war Kristiansand sozusagen mein Zweitwohnsitz. Bis heute reise ich mindestens einmal im Jahr nach Norwegen, inzwischen auch sehr gern in den höheren Norden.

Welcher Figur fühlst du dich persönlich am nächsten und warum?

Mit meiner Protagonistin Marie verbindet mich die Liebe zu Büchern, sie ist außerdem ein Omikind, genau wie ich.

Wenn deine Leser:innen das Buch zuklappen: Welches Gefühl oder welcher Gedanke soll möglichst lange nachklingen?

Darüber denke ich beim Schreiben nicht so nach, das wird auch individuell verschieden sein. Ich bin glücklich, wenn sich meine Leser auf der Reise gut unterhalten fühlen, wenn sie mitfiebern, sich nach Norwegen träumen. Manche haben mir erzählt, dass sie an einer Stelle Tränen in den Augen hatten – wenn mir das als Autorin gelingt, ist das wie ein Ritterschlag.

Was bedeutet Schreiben für dich?

Das Schreiben hat von kleinauf immer zu mir gehört. Es ist wie eine Leidenschaft, die ich tief im Herzen fühle. Selbst an schwierigen Tagen hilft mir dieses Gefühl, dranzubleiben.

Warum hast du dich fürs Selfpublishing entschieden?

Da war vor allem der Zeitfaktor entscheidend. Als Newcomer einen Verlag finden, kann Jahre dauern. Ich wollte das Projekt für mich abschließen, wollte gern neue Ideen verwirklichen. Daher war es mir wichtig, das Buch nun auf den Markt zu bringen. Es war die richtige Entscheidung, ich habe viel gelernt dabei und bekomme tolle Reaktionen von den Lesern.

Schreibst du schon an einem neuen Buch? Wenn ja, erzähle gerne davon.

Ja, an mehreren. Eines ist eine musikalische Geschichte, die in Italien spielt. Das andere ist wieder ein Norwegenroman. Ich kann und will hier aber noch nicht zu viel verraten, weil ich doch noch einmal versuche, einen Verlag dafür zu gewinnen.

Vielen Dank, liebe Nicole, für das Interview und weiterhin viel Schreiberfolg!

Buchrezension zu „Das Geheimnis am Fjord“ von Nicole Czerwinka

Zuletzt las ich den Roman „Das Geheimnis am Fjord“ von der Autorin Nicole Czerwinka.

Angepriesen wurde mir das Buch als Wohlfühlroman. Diesem Prädikat wurde das Buch allerdings nicht gerecht. Zum Glück. Wer mich kennt weiß, dass ich Tiefgang mag.

Worum geht es?

Im Mittelpunkt steht Marie, die nach dem Tod ihrer Großmutter deren Buchladen in Hamburg weiterführt. Als ihr bei einer Lesung ein altes Foto in die Hände fällt, beginnt sie Fragen zu stellen. Das Bild zeigt ihre Großmutter als junges Mädchen mit einem Jungen in Norwegen. Kurz darauf entdeckt Marie außerdem den entwerteten norwegischen Pass ihrer Oma. Da diese zeitlebens über ihre Vergangenheit geschwiegen hat, macht sich Marie auf den Weg nach Norwegen, um mehr über ihre Familiengeschichte herauszufinden.
Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn vieles lebt von der Spurensuche.

Was mir gut gefallen hat

Nicole Czerwinka schreibt flüssig und angenehm. Besonders die Landschaftsbeschreibungen haben mir gefallen. Die norwegischen Fjorde, Orte und Küsten entstehen beim Lesen so lebendig vor dem inneren Auge, dass man am liebsten selbst die Koffer packen möchte.
Ein weiterer Pluspunkt ist das historische Thema. Der Roman greift ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs auf, über das ich bislang nur wenig wusste. Genau das war der Grund, weshalb ich überhaupt zu diesem Buch gegriffen habe. Darüber hinaus geht es um das Schweigen innerhalb von Familien, um generationenübergreifende Geheimnisse, um Liebe und Freundschaft.

Was mich nachdenklich gemacht hat

Mit der Figurenzeichnung bin ich nicht ganz warm geworden.
Marie erhält von vielen Menschen Unterstützung, tut selbst aber vergleichsweise wenig für die Beziehungen. Teilweise handelt sie naiv und manchmal auch rücksichtslos. Dennoch begegnen ihr die meisten Figuren mit erstaunlich viel Wohlwollen.
Dazu kommen einige sehr glückliche Fügungen, die auf mich etwas konstruiert wirkten.
Am schwierigsten fand ich allerdings Maries Liebhaber. Gerade in den ersten drei Vierteln des Romans empfand ich ihn als sehr dominant. Häufig hatte ich den Eindruck, dass er Entscheidungen für Marie trifft und Marie nur „mitläuft“. Dadurch entstand bei mir insgesamt das Gefühl, dass zwar vieles MIT Marie geschieht, aber vergleichsweise wenig von IHR ausgeht. Eine stärkere persönliche Entwicklung der Hauptfigur hätte ich mir deshalb gewünscht.

Meine Bewertung

Ich würde „Das Geheimnis am Fjord“ eher als Liebesroman vor norwegischer Kulisse mit historischen Bezügen und einer Prise Roadtrip-Flair beschreiben als als klassischen Wohlfühlroman.
Das hochwertige Cover, der angenehme Schreibstil und die interessante historische Ebene haben mir gut gefallen. Gleichzeitig konnten mich einige Entscheidungen bei der Figurenzeichnung nicht vollständig überzeugen.
Trotz dieser Kritik habe ich den Roman gerne gelesen, gerade weil er deutlich tiefgründiger war, als ich aufgrund der Einordnung als Wohlfühlroman erwartet hatte.
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen.

Buchrezension zu „Die Bernsteinfischerin“ von Lisa Quentin

Der Roman „Die Bernsteinfischerin“ von der Autorin Lisa Quentin erzählt die Geschichte von Julika, die über Bernstein forscht und von Ebba Bredow, einer alten Frau, deren Leben eng mit der Ostsee und dem Bernstein verbunden ist. Die zwei Frauen treffen sich.

Doch irgendwann rückte die Handlung für mich in den Hintergrund. Stattdessen hatte ich das Gefühl, einem Gespräch über das Leben zuzuhören.
Über Trauer, Tod, Flucht und Vertreibung, Kinder, die viel zu früh Verantwortung für ihre Eltern übernehmen und über Entscheidungen, die getroffen wurden, weil sie getroffen werden mussten. Egal zu welchem Preis.
Auch die Themen Mutterschaft und (ungewollte) Kinderlosigkeit, sowie Depression werden angesprochen.

Buchcover des Romans "Die Bernsteinfischerin" von Lisa Quentin


Was mich am meisten berührt hat, war jedoch etwas anderes:


Die Wut. Ja, auch die laute, zerstörerische Wut. Aber auch diese stille Wut, die entsteht, wenn Menschen ihr Leben nicht so leben können, wie sie es sich gewünscht hätten. Wenn Verpflichtungen, Schicksal oder gesellschaftliche Erwartungen stärker waren als die eigenen Träume, die Freiheit.


Während des Lesens wurde mir bewusst, warum mich dieses Thema so trifft:


Ich trage selbst eine Wut in mir. Keine, die sich gegen einen bestimmten Menschen richtet. Eher eine tiefe Ahnung, dass die Frauen vor mir oft nicht frei waren. Dass meine Mutter, meine Großmutter und vielleicht noch Generationen davor ihr Leben nur innerhalb enger Grenzen gestalten konnten.
Ob das tatsächlich so war, weiß ich nicht.
Aber dieses Gefühl begleitet mich. Und ja, auch ich komme häufig an meine Grenzen, ordne mich unter.
Und plötzlich hielt ich ein Buch in den Händen, das dieser Wut einen Platz gab, ohne sie erklären oder bewerten zu wollen.
Das tat gut. Vielleicht auch deshalb, weil der Roman nie dramatisch werden will. Er vertraut darauf, dass leise Töne oft länger in uns klingen, als laute.

Der Sprachstil

Sprachlich hat mich das Buch ebenfalls sehr überzeugt. Die Sprache ist ruhig, angenehm und gleichzeitig klar. Sie trägt die Geschichte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Genau die Art von Literatur, die ich liebe.


Und dann ist da noch das Meer…


Ich weiß nicht, wie andere Leserinnen und Leser das empfinden. Für mich ist das Meer nie nur Kulisse. Es macht Gedanken weiter. Es erinnert mich daran, dass das Leben größer ist als der Alltag, in dem wir uns oft verlieren.
Vielleicht habe ich mich deshalb in diesem Roman so zu Hause gefühlt.


Ein weiterer Punkt, den ich besonders schätze: Das Buch ist erstaunlich rund. Fragen, die früh aufgeworfen werden, finden später ihren Platz. Zusammenhänge werden sichtbar. Nicht alles endet glücklich, aber alles endet stimmig. Das ist eine Qualität, die ich in Romanen sehr mag.


Als ich die letzte Seite gelesen hatte, blieb vor allem ein Gefühl zurück: Melancholie.
Aber keine hoffnungslose Melancholie.
Eher die bittersüße Erkenntnis, dass unser Leben nicht nur aus den Wegen besteht, die wir gegangen sind, sondern auch aus denen, die wir nie betreten haben.

Fachliche Qualität

Was mich zusätzlich beeindruckt hat, war die Sorgfalt, mit der Lisa Quentin wahrscheinlich recherchiert hat. Die Bernsteinforschung wirkt nie wie bloßes Hintergrundwissen, sondern wie ein selbstverständlicher Teil der Geschichte. Auch die Entwicklung des Ostseebades Niendorf und des Fremdenverkehrs ist so stimmig eingebunden, dass ich an keiner Stelle das Gefühl hatte, hier würde Wissen nur zur Schau gestellt. Es macht den Roman glaubwürdig und lässt einen tief in diese Welt eintauchen.

Über alternde Menschen

Besonders berührt hat mich die Figur der alternden Ebba, vielleicht auch deshalb, weil sie mich an meine Zeit als Pflegekraft erinnert hat. Ich mochte schon damals die Menschen, die als „nicht ganz einfach“ galten. Die, die widersprachen und Extrawünsche hatten. Die nicht gefallenn wollten. Hinter dieser Sperrigkeit steckten oft die bewegendsten Lebensgeschichten. Vielleicht habe ich deshalb eine Sympathie für Ebba entwickelt. Sie ist keine Figur, die man einfach nur liebhaben soll. Sie ist ein Mensch mit Kanten. Und genau das macht sie so glaubwürdig.

Meine Bewertung

Die Bernsteinfischerin ist für mich ein Roman über Freiheit. Über das, was Menschen trägt. Über das, was sie festhält. Und über den Mut, sich dem eigenen Leben ehrlich zuzuwenden, um nichts zu bereuen.
Für mich gehört dieses Buch zu den schönsten und tiefsten Leseerfahrungen des Jahres.
Es bekommt 5 von 5 Sterne.

Seit ich selbst einen Roman schreibe, schließe ich kaum noch ein Buch, ohne etwas zu lernen

„Stelle dir ein Buch auf deinen Schreibtisch, das du schlecht findest und bei dem du überzeugt bist, dass du es besser kannst.“ Dieses Zitat von Bestseller-Autor Andreas Eschbach soll einerseits Mut machen, denn dieses nicht so gut gelungene Buch zeigt, hat immerhin Druckreife erreicht. Andererseits sind Fehler bekanntlich Lehrer. Aus Dingen, die uns an Romanen nicht gefallen, können wir Erfahrungen ziehen, die uns in unserem eigenen Schreiben unterstützen.

Ich lese und rezensiere leidenschaftlich gerne Romane. Und ich schreibe gerade selber an einem Buch. Seitdem ich schreibe, lese ich anders. Dabei sind mir zehn Punkte aufgefallen, die für mich wichtig sind, damit ein Roman „funktioniert“. Teilweise fand ich diese Dinge in Büchern besonders gut gelöst, so dass sie mir in Erinnerung blieben. Andere Aspekte fielen mir in Büchern negativ auf und ich möchte sie in meinem eigenen Roman vermeiden.

1. Metaphern müssen etwas erfahrbar machen

Eine Metapher sollte ein Bild entstehen lassen und nicht nur ungewöhnlich klingen. Gleichzeitig gilt es, „ausgelutschte“ Vergleiche zu vermeiden. Manche Gleichnisse und Floskeln hat man einfach schon tausend Mal gehört.

2. Ein gleichförmiger Satzbau nutzt sich ab

Rhythmuswechsel sind nicht nur in der Musik beliebt. Wenn der Satzbau wenig Variationen enthält, schadet das der Dynamik des Buches. Abwechslung hält einen Text lebendig und unterstreicht die jeweilige Stimmung der Szene.

3. Atmosphäre entsteht durch Sinneseindrücke

Gerüche, Geräusche, Gefühle und Bilder lassen eine Beschreibung lebendig werden. Ich möchte einen Ort oder ein Ereigniss erleben, nicht nur von ihm erfahren. Die Kombination mehrerer Sinneseindrücke macht dies möglich.

4. Eine gute Grundidee reicht nicht aus

Es gibt Themen, über die muss man reden. Sie sind wichtig und es ist toll, wenn daraus ein Roman entsteht. Vielleicht ist es ein Thema, von dem es noch nicht viele Bücher gibt, eine innovative Themenkombination, oder auch ein „Hypethema“, auf dessen Zug der/die Autorin aufspringen will: Wenn die Umsetzung nicht passt, nützt die beste Idee nichts!

5. Genre schafft Erwartungen

Der Psychothriller entpuppt sich plötzlich als Erfahrungsroman? Das Romancebuch entführt uns in fantastische Welten, oder der historische Roman spielt hauptsächlich in der Gegenwart? Das Buch an sich kann richtig gut sein. Wenn seine Einordnung falsch ist, werden Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt werden. Dadurch lässt es enttäuschte Leser:innen zurück.

6. Charaktereigenschaften sollten wiederkehren, aber Raum für Entwicklung lassen

Typische Eigenheiten und Eigenschaften können Figuren über das ganze Buch hinweg unverwechselbar machen. Schön, wenn sie im Roman immer wieder aufblitzen. Das sollte man nicht nur bei wörtlicher Rede beachten. Gleichzeitig ist es interessant, wenn eine Figur Raum bekommt, um sich zu entwickeln. Wenn sich eine Protagonist:in allerdings völlig unterklärlich ändert, kommt die Leserschaft ins Stolpern.

7. Der Schreibstil darf nicht wichtiger werden als die Geschichte

Unsere Sprache ist das Werkzeug. Sie sollte die Geschichte tragen und nicht ständig auf sich aufmerksam machen, oder gar die Leser:in vorführen. Wie ich das meine? Ein Roman ist keine Fachliteratur. Fachbegriffe sollten daher erklärt werden und die Sprache sollte der Zielgruppe angepasst sein. Kein Mensch hat Lust, ständig Fachwörter zu googeln, oder über Bildungssprache zu stolpern. Anders herum darf ein Roman natürlich der Leser:in etwas zutrauen. Wie gesagt: Der Schreibstil sollte zur Zielgruppe passen.

8. Jede Szene braucht eine klare Funktion


„War das jetzt wichtig?“ „Wozu jetzt diese Szene?“ Wenn sich die Leserschaft solche Fragen stellt, funktioniert oft etwas nicht. Rückblenden funktionieren, wenn sie den Figuren Tiefe geben und die Gegenwart erhellen. Jede Szene sollte einen Grund haben. „Klingt schön“ allein reicht nicht.

9. Glaubwürdigkeit ist entscheidend

Wer reale Orte, Ereignisse, Personen oder Berufe beschreibt, sollte sorgfältig recherchieren. Dabei geht es gar nicht unbedingt darum, dass alles 1:1 stimmen muss (gerade im historischen Kontext ist das nicht immer möglich, heraus zu bekommen), grobe Fehler oder Unwahrheiten können aber peinlich werden und der Autor:in am Ende sogar schaden.

10. Ein Roman braucht eine eigene Stimme

Leser:innen erinnern sich an eine unverwechselbare Stimme, nicht an Perfektion. Eine Autor:in darf ungewöhnliche Wörter nutzen, mit Dialekt oder Slang spielen, mit Sprache spielen. Nichts ist langweiliger, als Monotonie und ein Sprachstil, der nicht auffallen will.

Sicherlich gibt es noch mehr zu beachten. Ich werde diesen Beitrag von Zeit zu Zeit erweitern.

Oben gute Laune, unten gute Laune, vorne gute Laune, hinten gute Laune – Warum ich diesen Trend gar nicht so gut finde

Momentan sieht man viele Reels, viele Beiträge, in denen ein Lied genutzt wird, in dem dazu aufgerufen wird, dass man oben, unten, vorne und hinten gute Laune haben sollte. „Aber das ist doch nur ein Lied für die gute Stimmung!“, könntest du jetzt sagen. Und du hast recht: Natürlich darf es Partylieder geben! Aber ist das wirklich nur ein Partyhit? Für mich schwingt da noch etwas anderes mit: Dass negative Gefühle möglichst schnell übertönt werden sollen. Mit Frohsinn, Ablenkung, oder noch schlimmer: Mit Ignoranz.

Genau dieses Muster kann aber nach hinten losgehen. Ich habe das selbst in meiner Kindheit erlebt: Wenn ich schlechte Laune hatte, wurde versucht, das schnell zu drehen. Durch Spaß, Kitzeln, Ablenkung, oder mit den Worten: „Ist doch gar nicht so schlimm. Jetzt lach doch mal wieder!“

Was ich daraus gelernt habe? Negative Gefühle sind nicht erwünscht! Und darüber wird auch nicht geredet. Sie müssen so schnell wie möglich bekämpft werden! Dadurch habe ich nicht ausreichend gelernt, mit ihnen umzugehen. Und ich bin mir sicher: So wie mir geht oder ging es vielen Menschen! Irgendwann entsteht dann der Eindruck, dass es falsch ist, solche Gefühle überhaupt zu haben.

Im Erwachsenenleben zeigt sich dann manchmal dass, was in unserer Kindheit versäumt wurde. Wir entwickeln Strategien, die helfen sollen, diese unerwünschten, vermeintlich falschen Gefühle nicht zu spüren, oder sogar zu betäuben.

Ich merke das auch bei mir selbst. Ich habe in meiner Kindheit gelernt, dass negative Gefühle weder wirklich gezeigt wurden noch begleitet wurden. Und ich merke im Erwachsenenleben, dass ich dadurch oft die Rolle übernommen habe, die gute Laune zu halten. Die Lustige zu sein, die, die es leicht macht. Wenn jemand in meinem Umfeld, mein Mann oder meine Kinder, schlechte Laune haben, dann merke ich sofort, dass etwas in mir anspringt. Ein Programm, das automatisch läuft.

Zuerst nehme ich die Stimmung auf. Das liegt wahrscheinlich an meiner Hochsensibilität. Auch in mir macht sich dann ein ungutes Gefühl breit. Der Ärger fährt mir sofort in den Bauch, wo der dann liegt wie eine Bleikugel. Ich frage mich dann: Warum ist die Stimmung so? Habe ich etwas falsch gemacht? Wie kann ich das wieder ändern? Und ich fühle mich schnell zuständig für diese schlechte Laune. Als müsste ich sie verändern. Aushalten, dass jemand anderes schlechte Laune hat? Habe ich nie gelernt. Clown Steffi ist zur Stelle!

Zum Glück lebe ich schon ein paar Jahre mit mir zusammen 😉 und habe mein Muster erkannt. In unguten Situationen pfeife ich mich innerlich zurück und kann es immer besser aushalten, wenn jemand schlechte Laune hat. „Das ist deine Laune, nicht meine„, sage ich dann zu mir selbst und versuche nicht gleich, die Stimmung wieder zu heben. Ich lenke meinen kleinen Sohn auch nicht mehr einfach ab, wenn er genervt ist, oder traurig, sondern ersuche mit ihm über seine Gefühle zu reden, sie bewusst wahrzunehmen. Er soll nicht denken, dass sein Ärger schlimm ist oder er das Falsche fühlt. Wenn ich selbst schlechte Laune habe, kommuniziere ich das mittlerweile aktiv nach außen. Auch, um diese negativen Gefühle vor der Familie nicht zu verschweigen.

Ich glaube, es ist wichtig, Kindern genau das mitzugeben: Schlechte Laune gehört dazu und muss auch nicht sofort aufgelöst werden.

Ich habe einen Vorschlag für eine zusätzliche Strophe, um aus dem Gute-Laune-Hit auch eine Schlechte-Laune-Alternative zu machen:

„Ich habe oben schlechte Laune, unten schlechte Laune, vorne schlechte Laune, hinten schlechte Laune und die gehört dazu!“


Interview mit der Autorin Alexandra Alius

Ich durfte den außerordentlich berührenden Debütroman „Wie Schwimmen im Sand“ von Alexandra Alius lesen und habe ihr daraufhin ein paar Fragen gestellt.

Woher hast du das Hintergrundwissen zu deinem speziellen Thema?

Ich habe selbst ein adoptiertes und ein leibliches Kind und verfüge über eigene Erfahrungen sowie über Kontakte zu Adoptiv- und Pflegefamilien. In diesem Zusammenhang habe ich mich intenisv mit dem Thema frühkindliche Bindung auseinandergesetzt und der Dynamik in Adoptionsfamilien.

Du hattest ein Arbeitsstipendium. Wie hast du das bekommen?

Ich hatte mich mit einer Arbeitsprobe und einem Exposé meines Romans beim Förderkreis der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg um ein Arbeitsstipendium beworben.

Warum hast du dich für die Zusammenarbeit mit einem Kleinverlag entschieden?

Als unbekannte Autorin mit einem solchen Debüt in einem Publikumsverlag zu landen, ist sehr unwahrscheinlich. Entschieden hatte ich mich trotzdem für den Rote Katze Verlag, als die Zusage kam, obwohl noch einiges bei anderen Verlagen offen war. Und für Selfpublishing muss man irgendwie berufen sein. Und ich glaube, das bin ich nicht.

Wie lange hast du für das Schreiben deines Buches gebraucht?

Ganz ehrlich? Mit vielen Unterbrechungen und Neuanfängen waren es sicher zehn Jahre. Die letzten fünf davon intensiv.

Was würdest du rund um den Schreib- und Veröffentlichungsprozess beim nächsten Mal anders machen?

Nicht mehr wild drauflos schreiben und im Nachhinein erst einen Spannungsbogen darüberlegen. Ich würde den nächsten Roman außerdem im Vorfeld auch selbst bewerben, das habe ich bei diesem gar nicht gemacht. Natürlich hatte ich Vertrauen zu meinem Verlag, und einen Vertrag außerdem, aber ich musste das Buch einfach zuerst in meinen Händen halten, um zu glauben, dass es wirklich existiert und veröffentlicht ist. Dann erst habe ich eine Homepage erstellt und mich auf Instagram angemeldet. Zugegeben, ich habe auch etwas gefremdelt mit Social Media. Inzwischen finde ich mich besser zurecht.

Du arbeitest auch als Poesiepädagogin. Was verbirgt sich dahinter?

Ich habe einen Schein gemacht, der mich zur Kursleiterin im Kreativen Schreiben befähigt. Ich hatte selbst einige Kurse besucht und schon seit Jahren damit geliebäugelt, so etwas selbst zu tun. Jetzt, wo der Roman raus ist, habe ich endlich Zeit dafür.

Ist schon ein neuer Roman geplant?

Ja, ich habe schon angefangen zu schreiben und lerne meine neue Protanogistin nach und nach kennen.

Ich danke Alexandra Alius für das Interview und wünsche ihr für ihr neues Werk viel Erfolg!

Buchrezension zu „All die Farben, all das Licht“ von Cora Wucherer

All die Farben, all das Licht von Cora Wucherer erschienen im Klett-Cotta Verlag, wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar von Vorablesen zur Verfügung gestellt.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Schwestern. Juna, die Ältere muss lernen, mit einer schweren Erkrankung zu leben, die ihr nach und nach das Augenlicht nimmt. Außerdem hört sie schlecht. Sie malt leidenschaftlich gerne und ist talentiert, was natürlich mit der zunehmenden Sehschwäche keine Zukunft hat. Ihre jüngere Schwester Martha steht zumindest zu Beginn der Geschichte oft in ihrem Schatten. Es entsteht das Gefälle, das man in Familien mit einem chronisch kranken Kind häufig beobachten kann: Ein Kind benötigt besonders viel Aufmerksamkeit, während das andere sich zurücknimmt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Mutter der beiden bei Marthas Geburt gestorben ist. Ihr Vater zieht die Schwestern allein groß, und die Frage, wie eine Familie mit diesem Verlust lebt, beziehungsweise ihn zu Beginn verdrängt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Obwohl das Buch wunderschön geschrieben ist und sich sehr leicht lesen lässt, brauchte ich eine Weile, um wirklich Zugang zu den beiden Schwestern zu finden. Die Geschichte wird durchgehend abwechselnd aus Junas und Marthas Perspektive erzählt. Anfangs blieben mir beide irgendwie fern. Doch das änderte sich. Mich begann, ihre Geschichte zu berühren und schließlich ließ sie mich nicht mehr los.

Mir wurde immer klarer, dass dieser Roman weit mehr erzählt als die Geschichte zweier Schwestern, die zunächst miteinander rivalisieren, um dann doch zueinander zu finden. Er handelt ebenso vom Erwachsenwerden und davon, was es mit einer Familie macht, wenn die Mutter fehlt, wie Trauer nachwirkt und wie unterschiedlich Menschen mit Verlust umgehen. Die verdrängende Sichtweise des Vaters konnte ich sehr gut nachvollziehen. Der Papa meines älteren Sohnes starb, als dieser noch ein Kleinkind war.

Am Ende hat mich das Buch sehr bewegt zurückgelassen. Es erzählt eine außergewöhnliche Geschichte mit viel Gefühl.

Von mir erhält All die Farben, all das Licht eine klare Leseempfehlung und 5 von 5 Sternen.

Buchrezension von „Wie Schwimmen im Sand“ von Alexandra Alius

Viele Bücher liest man, andere lesen einen. „Wie Schwimmen im Sand“ von Alexandra Alius gehört für mich eindeutig zur zweiten Sorte.

Es ist kein Buch für leichte Sommertage, das man mal eben so wegliest, um sich gut zu fühlen. Und genau DAS ist seine Stärke.

Worum geht es?

Im Mittelpunkt steht eine Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann zunächst keine Kinder auf natürlichem Weg bekommen kann. Sie adoptieren einen kleinen Jungen. Kurz darauf wird sie doch schwanger und bekommt einen zweiten Sohn. Zwei Kinder, eine Familie. Also fast ein Glücksversprechen. Wäre da nicht das „Erbe“ des Adoptivsohns: Leon bringt schwere Traumata mit, die sich nicht durch Liebe auflösen. Und das ist vielleicht einer der wichtigsten und unbequemsten Gedanken dieses Romans: Liebe heilt nicht alles und Bindung ist kein Wundermittel. Manche Wunden bleiben offen, manche brechen immer wieder auf.

Was folgt, ist kein klassisches Familiendrama, sondern eine schmerzhafte, ehrliche Auseinandersetzung mit Mutterschaft, Überforderung, Schuld und der Frage, wie man eine gute Mutter sein kann, wenn jede Entscheidung einem Kind hilft und dem anderen schadet.

Dabei streift das Buch große Themen: Sternenkinder, plötzlicher Kindstod, Herkunftsfamilie, Jugendhilfe, das Schweigen zwischen Eltern und Generationen, das Nichtgesagte, das sich über Jahre wie Staub auf alles legt, aber auch Selbstfürsorge, die am Ende sogar zur Verarbeitung der Vergangenheit beiträgt.

Und trotzdem ist es nie überladen.

Der Schreibstil

Was dieses Buch für mich besonders macht, ist seine Sprache:

Sie ist außergewöhnlich gut. Bildhaft, klug, fein beobachtet. Nicht schwer zugänglich, aber voller Metaphern, die sitzen. Sätze, die nicht nur schön sind, sondern etwas freilegen. Man merkt beim Lesen, dass hier jemand schreiben kann.

Mein einziger Kritikpunkt: Dieses Buch hätte ein strengeres Korrektorat verdient. Gerade weil die Sprache so stark ist, fallen Rechtschreibfehler umso mehr auf.

Und dann gab es diesen einen Satz, an dem ich das Buch erst einmal weg legen musste, um nachzudenken.

Einen Satz über die Kindheit der Protagonistin, über ihre Rolle in ihrer Herkunftsfamilie. Darüber, dass sie das Gefühl hatte, den verstorbenen Bruder ersetzen zu müssen. Dass sie geboren wurde, um wieder Licht in das Dunkel ihrer Eltern zu bringen.

Dieser Gedanke hat mich tief getroffen, weil ich mich darin wieder erkannt habe.

Ich war oft die Lustige, die mit der Ironie. Die, die Stimmung gemacht hat, auf die man sich darauf verlassen konnte, dass sie das Schwere irgendwie leichter macht. Ich glaube inzwischen, dass das nicht nur Charakter war, sondern Strategie.

Wenn schlechte Gefühle keinen Platz haben, sucht man sich andere Wege, um dazuzugehören. Bei mir war es oft Humor. Ich hatte als dickes Mittelkind zwischen zwei schlanken Schwestern früh das Gefühl, irgendwas ausgleichen zu müssen. Weniger Wert durch mehr Witz und weniger gesehen werden durch mehr Präsenz.

Dieses Buch hat mich daran erinnert, wie früh wir anfangen, Rollen zu übernehmen, die uns durchs Leben tragen und manchmal gleichzeitig von uns wegführen.

Ich habe dieses Buch nicht gelesen, weil ich etwas mit Adoption verbinde, sondern weil mich der Untertitel „Über die Schwierigkeit, eine perfekte Mutter zu sein“ sehr angesprochen hat. Getroffen hat es mich an einer ganz anderen Stelle.

Und genau das ist für mich Literatur, die etwas kann. Sie etwas in mir in Bewegung gebracht. Ich habe mich darin wiedergefunden.

Meine Bewertung

Der Roman von Alexandra Alius bekommt von mir eine klare Leseempfehlung. Er beleuchtet intensiv gesellschaftliche Randthemen, die definitiv viel mehr in der Gesellschaft gesehen werden müssen. Der Schreibstil der Autorin ist zudem herausragend, mit einer Beobachtungsgabe, die seinesgleichen sucht. Wäre das Thema „leichter“ und damit massenkompatibler, hätte dieser Roman einen Platz in den Bestsellerlisten sicher. Fünf von fünf Sternen!