Kürzlich habe ich Vanessa Andreadakis Roman „Schwarzer Kater – Das siebte Leben“ gelesen, der mir sehr gefallen hat. Ich habe das Buch hier rezensiert. Während meines Lesevergnügens sind mir viele Fragen eingefallen, die Vanessa mir gerne beantwortet hat. Herzlichen Dank dafür!


Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch mit dieser Story zu schreiben?
Das hat mit einem Kurzgeschichten-Seminar angefangen. Dort habe ich eine kleine Erzählung über eine Jungsfreundschaft in den 80ern geschrieben. Ich hatte ein bestimmtes Ende im Sinn, aber beim Schreiben passierte etwas sehr Seltsames: Die Figuren haben ein Eigenleben entwickelt. Plötzlich wollten sie bestimmen, wo es mit der Geschichte hingeht. Mich hat das unheimlich beeindruckt und ich fing an, die Geschichte weiterzuschreiben – auch nach dem Seminar noch. Irgendwann, so hundert Seiten später, dachte ich mir: Ok, ich schreibe wohl gerade ein Buch. Die Story hat sich – genau wie die Kurzgeschichte – erst beim Schreiben entwickelt. Ich habe dann gelernt, die Figuren zu steuern. Und ihnen zu vertrauen – auch wenn sie sich anders verhalten, als geplant. Dafür musste ich ganz schön viele Irrwege in Kauf nehmen. Aber es hat immer Riesenspaß gemacht.
Woher hast du dir das Wissen über Koks, Schlösser knacken und das Kinderheim angeeignet?
Meine größte Fundgrube: Youtube! Es ist einfach unglaublich, über was man sich auf dieser Plattform informieren kann. Zum Beispiel Koks: Ich habe sogar Videos gefunden, bei denen jemand Koks genommen hat (mit medizinischer Begleitung). Er hat dann unter Drogen verschiedene Konzentrationstests gemacht. Total irre. Die Koksszenen habe ich noch mal von einer Drogenberaterin, die ich bei einem Schreibseminar kennengelernt hatte, querlesen lassen. Das war sehr wertvoll. Sie hat mich zum Beispiel darauf hingewiesen, dass viele Abhängige sehr lange damit warten, Koks auch bei der Arbeit zu konsumieren. Daraufhin habe ich die Handlung etwas angepasst. Zum Thema Schlösser knacken gibt es übrigens auch reichlich Videomaterial bei Youtube. Beim Thema Kinderheime war das Buch „Schläge im Namen des Herrn“ von Peter Wesnierski meine Hauptquelle. Es ist eine großartige Zusammenstellung von Erfahrungsberichten ehemaliger Heimkinder in der Bundesrepublik der 50er und 60er. Sehr lesenswert, aber auch ganz schön harter Tobak. Ich habe selbst zwei Söhne und es hat mir fast das Herz zerrissen, zu lesen, was den Kindern dort angetan worden ist! Ein Erfahrungsbericht hat mich besonders beeindruckt: Ein Junge bastelt sich selbst einen Dietrich und kann so jederzeit unbemerkt rein und raus. Statt zu verzweifeln hat er sich seine Freiheit erkämpft und außergewöhnliches Geschick und Erfindergeist gezeigt. Ich habe mir gedacht: Diese Geschichte passt perfekt in meinen Roman!
Wie schreibt man so realistische Kampfszenen?
Ich muss vorausschicken, dass ich mich selbst noch nie ernsthaft geprügelt habe. Erstmal habe ich mir unzählige Trainings- und Selbstverteidigungsvideos auf Youtube angeschaut. Und dann hatte ich ein bisschen Glück: Meine Söhne spielen beide Fußball, da verbringt man recht viel Zeit am Spielfeldrand. Einer der Trainer hat einmal fallen lassen, dass er jahrelang geboxt hat. Ich habe mir gedacht: Das ist mein Mann! Glücklicherweise war er bereit, meine Szenen zu lesen und hat mir sehr hilfreiche Hinweise gegeben. Bei einem entscheidenden Kampf geht es ja um etwas ganz Existenzielles. Egal, wie er ausgeht: die Figur kommt verändert heraus. Außerdem hat so etwas Archaisches wie eine handfeste Prügelei oder ein Boxkampf ja auch eine gewisse Faszination. Jeder weiß: Jetzt geht’s ums Ganze. Damit das auch beim Leser ankommt, habe ich ganz schön lange an den Szenen herumgefeilt.
In welche(s) Genre würdest du dein Buch einordnen? Ich sehe da mehrere Möglichkeiten.
Es ist ein Entwicklungsroman. Ich glaube allerdings, dass die meisten nicht so viel mit dem Begriff anfangen können. Deshalb benutze ich selbst oft Schicksals- oder Familienroman. Coming-of-Age ist auch mit dabei, nur eben nicht in Reinform.
Warum hast du dich für Druck und Vermarktung für Tredition entschieden?
Tredition ist ein Distributor, der sowohl den Buchgroßhandel als auch die einschlägigen Online-Plattformen bedient. Ich fand es praktisch, alles über einen Dienstleister abwickeln und zusätzlich noch eigene Exemplare bestellen zu können – gerade weil ich ja überhaupt keine Erfahrung mit der Buchvermarktung hatte. Aus nostalgischen Gründen wollte ich sehr gerne auch ein paar gebundene Exemplare meines Buches drucken lassen. Das bieten gar nicht alle Distributoren an. Aber ich glaube, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss, der zum Buch und zur Persönlichkeit des Autors am besten passt. Für Selfpublisher gibt es ja mittlerweile viele verschiedene Möglichkeiten.
Was ist aus deiner Sicht die wichtigste Message des Buches?
Es lohnt sich immer, nach dem Warum zu fragen. Manchmal erfordert das großen Mut, besonders wenn es um die eigene Familie geht. Da sind wir Frauen meist besser als Männer.
Was oder wer hat dir am meisten beim Schreiben geholfen?
Da gab es für jede Phase jemanden! Am Anfang wusste ich ja gar nicht, wie mir geschieht. Neben Job und Familie ist es schon verrückt, auch noch ein Buchprojekt zu haben. Und dann die ganzen Zweifel! Es war ein großer Schritt für mich, andere meine Entwürfe lesen zu lassen. In dieser Phase war es am wichtigsten für mich, Zuspruch zu bekommen, um den Mut behalten, weiterzuschreiben. Später brauchte ich dann fachliche Hilfe. Ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, wie man ein Buch schreibt! Ich wusste nicht einmal, was ein Plot ist. Die Autorenrunden von Jutta Schubert (vhs Mainz) haben mir sehr weitergeholfen und später dann das Coaching mit der Lektorin Ursula Hahnenberg. Und ganz am Ende habe ich sehr wertvolles Feedback von meinen fantastischen Testlesern bekommen.