Buchrezension von „Wie Schwimmen im Sand“ von Alexandra Alius

Manche Bücher liest man. Andere lesen einen. „Wie Schwimmen im Sand“ von Alexandra Alius gehört für mich eindeutig zur zweiten Sorte.

Es ist kein Buch für leichte Sommertage, das man mal eben so wegliest, um sich gut zu fühlen. Und genau DAS ist seine Stärke.

Worum geht es?

Im Mittelpunkt steht eine Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann zunächst keine Kinder auf natürlichem Weg bekommen kann. Sie adoptieren einen kleinen Jungen. Kurz darauf wird sie doch schwanger und bekommt einen zweiten Sohn. Zwei Kinder, eine Familie. Fast ein Glücksversprechen. Wäre da nicht das „Erbe“ des Adoptivsohns: Leon bringt schwere Traumata mit, die sich nicht durch Liebe auflösen. Und das ist vielleicht einer der wichtigsten und unbequemsten Gedanken dieses Romans: Liebe heilt nicht alles. Bindung ist kein Wundermittel. Manche Wunden bleiben offen, manche brechen immer wieder auf.

Was folgt, ist kein klassisches Familiendrama, sondern eine schmerzhafte, ehrliche Auseinandersetzung mit Mutterschaft, Überforderung, Schuld und der Frage, wie man eine gute Mutter sein kann, wenn jede Entscheidung einem Kind hilft und dem anderen schadet.

Dabei streift das Buch große Themen: Sternenkinder, plötzlicher Kindstod, Herkunftsfamilie, Jugendhilfe, das Schweigen zwischen Eltern und Generationen, das Nichtgesagte, das sich über Jahre wie Staub auf alles legt, aber auch Selbstfürsorge, die am Ende sogar zur Verarbeitung der Vergangenheit beiträgt.

Und trotzdem ist es nie überladen.

Der Schreibstil

Was dieses Buch für mich besonders macht, ist seine Sprache:

Sie ist außergewöhnlich gut. Bildhaft, klug, fein beobachtet. Nicht schwer zugänglich, aber voller Metaphern, die sitzen. Sätze, die nicht nur schön sind, sondern etwas freilegen. Man merkt beim Lesen, dass hier jemand schreiben kann.

Mein einziger Kritikpunkt: Dieses Buch hätte ein strengeres Korrektorat verdient. Gerade weil die Sprache so stark ist, fallen Rechtschreibfehler umso mehr auf.

Und dann gab es diesen einen Satz, an dem ich das Buch erst einmal weg legen musste, um nachzudenken.

Einen Satz über die Kindheit der Protagonistin, über ihre Rolle in ihrer Herkunftsfamilie. Darüber, dass sie das Gefühl hatte, den verstorbenen Bruder ersetzen zu müssen. Dass sie geboren wurde, um wieder Licht in das Dunkel ihrer Eltern zu bringen.

Dieser Gedanke hat mich tief getroffen, weil ich mich darin wieder erkannt habe.

Ich war oft die Lustige. Die mit der Ironie. Die, die Stimmung gemacht hat. Die, bei der man sich darauf verlassen konnte, dass sie das Schwere irgendwie leichter macht. Ich glaube inzwischen, dass das nicht nur Charakter war, sondern Strategie.

Wenn schlechte Gefühle keinen Platz haben, sucht man sich andere Wege, um dazuzugehören. Bei mir war es oft Humor. Ich hatte als dickes Mittelkind zwischen zwei schlanken Schwestern früh das Gefühl, irgendwas ausgleichen zu müssen. Weniger Wert durch mehr Witz und weniger gesehen werden durch mehr Präsenz.

Dieses Buch hat mich daran erinnert, wie früh wir anfangen, Rollen zu übernehmen, die uns durchs Leben tragen und manchmal gleichzeitig von uns wegführen.

Ich habe dieses Buch nicht gelesen, weil ich etwas mit Adoption verbinde, sondern weil mich der Untertitel „Über die Schwierigkeit, eine perfekte Mutter zu sein“ sehr angesprochen hat. Getroffen hat es mich an einer ganz anderen Stelle.

Und genau das ist für mich Literatur, die etwas kann. Sie etwas in mir in Bewegung gebracht. Ich habe mich darin wiedergefunden.

Meine Bewertung

Der Roman von Alexandra Alius bekommt von mir eine klare Leseempfehlung. Er beleuchtet intensiv gesellschaftliche Randthemen, die definitiv viel mehr in der Gesellschaft gesehen werden müssen. Der Schreibstil der Autorin ist zudem herausragend, mit einer Beobachtungsgabe, die seinesgleichen sucht. Wäre das Thema „leichter“ und damit massenkompatibler, hätte dieser Roman einen Platz in den Bestsellerlisten sicher. Fünf von fünf Sternen!

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