Ich habe zu meinem Geburtstag eine Tasse von einer Kollegin geschenkt bekommen, auf der sinngemäß steht, dass ich ironisch und sarkastisch bin. Und das stimmt! Auf Arbeit rede ich spitz und werfe Bemerkungen in den Raum, die man nicht ganz ernst nehmen sollte, manchmal auch sehr spontan. Ich merke dabei oft gar nicht, wie sehr das Teil meines Umgangs geworden ist, wie selbstverständlich diese Art zu sprechen für mich ist.

Wenn ich aber ein Video für Instagram aufnehme, klinge ich ganz anders. Ruhiger, oder vorsichtig fragend. Ja, was davon ist jetzt eigentlich „echt“ Steffi? Tatsächlich denke ich schon Monate, wenn nicht sogar Jahre darüber nach, ob ich auf Social Media echt bin. Fun Fact: Erst letzte Woche habe ich eine Nachricht bekommen, worin eine Followerin mein Profil als besonders authentisch einschätzte.
Ich bin online anders, als im realen Leben
Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen, oder? Weil ich hier auf dem Blog und auf Instagram etwas weglasse. Ich bin hier nicht so ironisch wie auf Arbeit. Ich bremse mich an manchen Stellen bewusst. Ich formuliere Dinge anders, als ich es in einem spontanen Gespräch tun würde. Und ich mache das nicht aus Versehen. Ich entscheide das. Nicht jedes Mal bewusst in dem Sinne, dass ich darüber lange nachdenke, aber doch klar genug, um zu wissen, dass ich hier eine bestimmte Seite von mir schwächer zeige als eine andere. Das ist kein Zufall. Erstens kennt man mich im realen Leben. Viele wissen einfach, wann ich etwas ernst meine und wann ich überspitze. Zweistens lebt Ironie von Betonung und Körpersprache. Im schriftlichen Bereich wirkt Ironie oft als ernst gemeint, weil das Körperliche fehlt. Außderdem versteht Ironie und Sarkasmus auch nicht jede:r. Deshalb lasse ich diesen Bereich meines Ichs online häufig weg. Bin ich dort dann unauthentisch?
Ich zeige also online nicht alles und ich habe lange gedacht, dass genau das ein Problem ist. Dass ich damit nicht mehr authentisch bin. Dass ich etwas glätte, das eigentlich rauer ist. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich mich auch auf Arbeit nicht vollständig zeige. Dass ich auch dort Dinge zurückhalte und mich anpasse. Meine nachdenkliche Seite lasse ich im Beruf zum Beispiel nicht so oft raus wie online. Kann man mehrere Authentizitäten haben?
meine Fehlannahme
Ich habe Authentizität lange mit Vollständigkeit verwechselt. Mit der Vorstellung, dass man überall gleich sein müsste, wenn man wirklich echt ist. Aber so funktioniert kein Mensch, denn wir bedienen unterschiedliche Rollen. Ich bin nicht überall gleich, und ich habe angefangen zu verstehen, dass das nichts damit zu tun hat, dass ich mich verstelle, sondern mit unterschiedlichen Situationen und Erwartungen. Keine dieser Verhaltensweisen ist automatisch wahrer. Authentizität hat nichts damit zu tun, alles zu zeigen, oder sich überall gleich zu verhalten, sondern damit, sich selbst nicht zu widersprechen. Das, was man zeigt, sollte stimmen. Werte und Überzeugungen zum Beispiel. Man kann nicht im realen Leben Fleisch essen und sich online als Vegetarier:in hinstellen.
Mit dieser neuen Auffassung von Authentizität fühle ich mich endlich wohler. Ich darf mehrere Stimmen und Gedanken haben, die je nach Raum unterschiedlich laut werden, so lange meine Überzeugungen dabei synchron sind.
Wie ist das bei dir? Hast du auch schon einmal darüber nachgedacht, was Authentizität für dich ist?