Zuletzt las ich den Roman Petrópolis von Noa Moreira. Er ist der dritte Teil ihrer Brasilien-Saga, in dem sie über die Geschichte ihrer Vorfahren berichtet. Die Rezension zu diesem Buch findest du hier: Buchrezension von Petrópolis: Die Saga geht weiter von Noa Moreira

Ich freue mich, dass ich Noa ein paar Fragen stellen durfte und bedanke mich für das Interview.
Du hast insgesamt drei Bücher über deine Ahnen geschrieben. Woher hast du das ganze Wissen über sie genommen und wie lange hat das recherchieren und schreiben gedauert?
Das Wissen ist über Jahrzehnte meines Lebens gewachsen. Am Anfang waren es Anekdoten und Geschichten, die meine Oma am Sonntagmorgen bei Zwieback und Tee mit mir geteilt hat, während der Rest im Haus noch schlief … das war spannend! Auch waren es die Erzählungen bei Geburtstagskaffees, die die Tanten und mein Onkel mit meiner Mutter austauschten. Brasilien war immer Thema, die Fragen brennend spannend für uns Kinder.
Eine Form haben dann meine Tante und mein Vetter reingebracht, indem sie genealogisch forschten. Insbesondere mein Vetter ist vor Ort in Brasilien sogar noch tiefer eingetaucht. Der Austausch war stets da, das Zusammentragen eine Art Ko-Kreation.
Die Idee, etwas daraus zu machen, ist vor langer Zeit geboren, doch so richtig ernsthaft angepackt – mit den Recherchen über das Leben damals und die Gegebenheiten, um die Lücken mit Leben zu füllen – daran arbeite ich konzentriert seit 2022.
Seit 2024 schreibe ich … und hatte es plötzlich eilig, da von den vier Geschwistern nur noch zwei da waren, inzwischen hochbetagt. Mir war es wichtig, ihre Geschichte jetzt festzuhalten.
Warum hast Du Dich fürs Selfpublishing entschieden?
Darüber habe ich erst nachgedacht, als ich wusste, dass es drei Bände werden. Band 1 und 2 gehören als Geschichte der ‚Fazenda Santa Delfina‘ zusammen und ich wollte sie unbedingt fertig haben, bevor ich Band 3 erzähle, der diese Welt dann verlässt.
Und dann stand die Frage im Raum: Ja und nun? Wie veröffentliche ich das? Nur für mich, ‚just for fun‘, wie ich es früher schon einmal mit einem Drehbuch gemacht hatte? Oder nur ein Manuskript für die Familie, die das durchaus schon länger angefragt hatte? Die Geschichte war da ganz eindeutig, sie wollte einfach in die Welt. Also dachte ich mir: Wenn schon der Aufwand, dann richtig – mit Buchsatz und allem Drum und Dran bis zur ISBN.
Für das Selfpublishing habe ich mich letztlich entschieden, weil ich für eine langwierige Verlagssuche keinen Nerv hatte. Ich wollte und musste einfach weiterschreiben und den Fokus auf der Geschichte behalten. Zum Glück wusste ich da noch nicht, was das tatsächlich an Fleißarbeit bedeutet … 🙂 Aber es fühlt sich im Nachhinein richtig und gut an.
Hast du die Originalschauplätze in Brasilien besucht?
Nein, aber mein Vetter, der einiges für die Genealogie vor Ort recherchiert hat. Auch meine Mutter und zwei ihrer Geschwister waren vor Ort, am Rio Preto und auch in Rio de Janeiro beim Rest der Familie, der dort geblieben ist.
Sprichst du portugiesisch?
Ich verstehe es etwas, aber spreche es nicht. Es ist mir extrem vertraut. Viele Redewendungen, die ich von meiner Oma noch kenne…
Was haben Deine Ahninnen Dir mitgegeben?
Oh, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wissensdurst und Neugierde gerade auch auf das Fremde, Vertrauen in die Weisheit des Lebens, Pioniergeist, um Neues anzupacken, Lebensfreude an den kleinen Dingen und die Liebe zur Natur fallen mir da als erstes ein…
Aber da ist noch mehr, was tiefer geht: Durch den intensiven, fast greifbaren Kontakt während des Schreibens zu denen, die vor meiner Großmutter waren – und von denen ich zuvor ja eigentlich nicht viel wusste – habe ich eine große Nähe gespürt, die ich immer noch in mir trage. Ich hatte das Gefühl, als hätten sie mir ihr Vertrauen geschenkt, ihre Geschichte zu hüten. Im Gegenzug für diesen wertvollen, berührenden Austausch haben sie mir eine Art Ur-Vertrauen mitgegeben – das Wissen, dass wir nie ganz allein gehen, sondern auf den Schultern derer stehen, die vor uns da waren. Ich glaube, ich habe selbst noch gar nicht alles ganz erfasst, was ich aus diesen Begegnungen an Geschenken heraustragen durfte…
Findest Du Parallelen zu Ihnen?
Hm, ob es da Parallelen gibt? Ich kann es ehrlich gesagt (noch) nicht sehen oder sagen. Dafür bin ich vielleicht noch zu nah an ihnen dran…
In jedem Fall weiß ich noch genau, wie ich beim Schreiben dachte: Ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre, so zu handeln, wie sie es taten. Ich hatte beim Schreiben manchmal größten Respekt vor ihren Entscheidungen und habe einfach nur viel gestaunt.
Wird es eine Fortsetzung geben?
Nein, eine direkte Fortsetzung der Brasilien-Saga wird es nicht geben. Diese Geschichte mit Brasilien ist für mich nun zu Ende erzählt. Als Nächstes folgt die Hohenlohe-Saga. Dort wird sich allerdings im letzten Band der Kreis zu Luzia, Luz und Gotthilf auf dem Hochberg in Urach schließen.
Was ich mir vorstellen könnte, wäre ein Prequel zur Brasilien-Saga. Mein Vetter hat inzwischen die Ahnengeschichte der portugiesischen Vorfahren bis zu Karl dem Großen zurückverfolgt. Vielleicht will daraus einmal eine weitere Saga wachsen. Aber für mich ist das momentan noch Zukunftsmusik. Als Nächstes gehört meine Aufmerksamkeit erst einmal der Hohenlohe-Saga.
Warum schreibst Du unter einem Pseudonym?
Dies sind nicht meine Geschichten, die ich erfunden habe. Ja, ich habe viel zur damaligen Lebenswelt und den historischen Umständen recherchiert und zwischen den Jahreszahlen vor diesem Hintergrund fiktiv verdichtet. Ich habe die narrative Dramaturgie konzipiert, ich habe die Ereignisse in Worte gepackt – aber die Figuren waren vor mir da. Ich hätte mir ihre Geschichte so wohl nicht ausdenken können. Ohne die genealogische Vorarbeit meiner Verwandten hätte ich sie nicht erzählen können. Ich glaube, meine Stärke ist eher das Sammeln und Aufbereiten der Geschichten von anderen. Das Gesamtwerk meiner Autorinnenarbeit ist definitiv mehr, als in meine eigenen Kleider passt.
Und Moreira war für mich seit Kindheit – als Nachname meiner Großmutter mütterlicherseits – vom Klang und von der Aura her stets mit einer warmen Schönheit und einer stillen, tragenden Frauenenergie verbunden, die mich bis heute begleitet. Es ist eine Energie, die nichts mit Äußerlichkeiten zu tun hat, sondern eine innere Substanz, die einfach da ist. Es war für mich sofort klar, dass das Pseudonym diesen Namen tragen will.
Du möchtest mehr über Noa Moreira wissen? Hier geht es zu ihrer Website: https://www.noa-moreira.de/