Zuletzt las ich den Roman „Das Geheimnis am Fjord“ von der Autorin Nicole Czerwinka.
Angepriesen wurde mir das Buch als Wohlfühlroman. Diesem Prädikat wurde das Buch allerdings nicht gerecht. Zum Glück. Wer mich kennt weiß, dass ich Tiefgang mag.

Worum geht es?
Im Mittelpunkt steht Marie, die nach dem Tod ihrer Großmutter deren Buchladen in Hamburg weiterführt. Als ihr bei einer Lesung ein altes Foto in die Hände fällt, beginnt sie Fragen zu stellen. Das Bild zeigt ihre Großmutter als junges Mädchen mit einem Jungen in Norwegen. Kurz darauf entdeckt Marie außerdem den entwerteten norwegischen Pass ihrer Oma. Da diese zeitlebens über ihre Vergangenheit geschwiegen hat, macht sich Marie auf den Weg nach Norwegen, um mehr über ihre Familiengeschichte herauszufinden.
Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn vieles lebt von der Spurensuche.
Was mir gut gefallen hat
Nicole Czerwinka schreibt flüssig und angenehm. Besonders die Landschaftsbeschreibungen haben mir gefallen. Die norwegischen Fjorde, Orte und Küsten entstehen beim Lesen so lebendig vor dem inneren Auge, dass man am liebsten selbst die Koffer packen möchte.
Ein weiterer Pluspunkt ist das historische Thema. Der Roman greift ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs auf, über das ich bislang nur wenig wusste. Genau das war der Grund, weshalb ich überhaupt zu diesem Buch gegriffen habe. Darüber hinaus geht es um das Schweigen innerhalb von Familien, um generationenübergreifende Geheimnisse, um Liebe und Freundschaft.
Was mich nachdenklich gemacht hat
Mit der Figurenzeichnung bin ich nicht ganz warm geworden.
Marie erhält von vielen Menschen Unterstützung, tut selbst aber vergleichsweise wenig für die Beziehungen. Teilweise handelt sie naiv und manchmal auch rücksichtslos. Dennoch begegnen ihr die meisten Figuren mit erstaunlich viel Wohlwollen.
Dazu kommen einige sehr glückliche Fügungen, die auf mich etwas konstruiert wirkten.
Am schwierigsten fand ich allerdings Maries Liebhaber. Gerade in den ersten drei Vierteln des Romans empfand ich ihn als sehr dominant. Häufig hatte ich den Eindruck, dass er Entscheidungen für Marie trifft und Marie nur „mitläuft“. Dadurch entstand bei mir insgesamt das Gefühl, dass zwar vieles MIT Marie geschieht, aber vergleichsweise wenig von IHR ausgeht. Eine stärkere persönliche Entwicklung der Hauptfigur hätte ich mir deshalb gewünscht.
Meine Bewertung
Ich würde „Das Geheimnis am Fjord“ eher als Liebesroman vor norwegischer Kulisse mit historischen Bezügen und einer Prise Roadtrip-Flair beschreiben als als klassischen Wohlfühlroman.
Das hochwertige Cover, der angenehme Schreibstil und die interessante historische Ebene haben mir gut gefallen. Gleichzeitig konnten mich einige Entscheidungen bei der Figurenzeichnung nicht vollständig überzeugen.
Trotz dieser Kritik habe ich den Roman gerne gelesen, gerade weil er deutlich tiefgründiger war, als ich aufgrund der Einordnung als Wohlfühlroman erwartet hatte.
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen.