Ich glaube, dieses Buch wird polarisieren.
Der Untertitel „Kein Bretagne-Krimi“ ist dabei aber eine ziemlich faire Ansage. Denn einen klassischen Kriminalfall gibt es tatsächlich nicht. Es gibt Kommissare, aber Mord, Täter und Aufklärung? Fehlanzeige. Trotzdem habe ich mich keine Sekunde gelangweilt.

Worum geht es?
Im Mittelpunkt des Romans „Kommissar Panowski“ von Axel Stamm stehen zwei deutsche Kommissare, die im Rahmen eines deutsch-bretonischen Austauschprojekts in der Bretagne landen. Herr Haeberle bleibt dort und wird Teil dieses besonderen Ortes. Später kommt Kommissar Panowski hinzu.
Und dann passiert … erstaunlich wenig.
Stattdessen beobachtet Axel Stamm: Menschen, Beziehungen, Hunde, die Bretagne, das Schweigen, das Aufbrechen und Ankommen, das Fremdsein und das heimisch werden. Und die vielen Dinge, die zwischen Menschen passieren, ohne dass sie ausgesprochen werden.
Der Schreibstil
Seine Sprache bezeichnet der Autor selbst als lakonisch. Für mich ist sie vor allem klug und auf eine ganz eigene Art witzig. Wortspiele, feine Beobachtungen und kleine philosophische Gedanken wechseln sich ab. Es gibt Schachtelsätze, die auf dem Papier vielleicht zunächst sperrig wirken könnten und sich trotzdem wunderbar flüssig lesen.
Überhaupt passt die Sprache für mich wunderbar zu der Welt, die Stamm beschreibt: ruhig, rau, eigenwillig und manchmal ein bisschen verschlossen. Hier muss nicht ständig etwas geschehen, damit man weiterlesen möchte.
Und genau das finde ich an diesem Buch so bemerkenswert.
Mein Leseerlebnis
Wie schafft man es, einen Roman zu schreiben, in dem so wenig klassische Handlung passiert, und trotzdem einen solchen Lesesog zu erzeugen?
Bei mir hat es funktioniert.
Ich wollte nicht wissen, wann endlich der Kriminalfall beginnt. Ich wollte wissen, was Axel Stamm als Nächstes beobachtet, welchen Gedanken er daraus entwickelt und welche eigenwillige Formulierung er dafür findet. Ich musste häufig schmunzeln.
Im Epilog bringt der Autor selbst noch einmal auf den Punkt, worum es in seinem „Bericht“ geht: um Schweigen als Form der Kommunikation, um Selbstfindung und um die Eigenheiten verschlossener Menschen. Und plötzlich fügt sich vieles, was vorher wie kleine, voneinander unabhängige Beobachtungen wirkte, noch einmal zusammen.
Ob das jedem gefällt? Ich bezweifle es.
Wer vor allem Handlung braucht, könnte dieses Buch vermutlich als langatmig empfinden. Wer sich auf Sprache, Atmosphäre und Beobachtungen einlassen kann, findet hier vielleicht genau das, was mir so gut gefallen hat.
Eine Sache muss ich allerdings noch loswerden: das Axolotl.
Es ist auf dem Cover, in den Innenseiten und auf der Rückseite zu sehen. Ich habe das ganze Buch gelesen. Es kommt kein einziges Axolotl vor.
Vielleicht genauso wichtig:
Der gesamte Autorenerlös aus diesem Buch wird an Leseohren e. V. in Stuttgart gespendet, die sich für die Sprachförderung von Kindern einsetzen.
Ich finde, das passt wunderbar zu diesem Buch. Denn ausgerechnet ein Roman, der so sehr von Sprache lebt, von Zuhören, Schweigen und Kommunikation, unterstützt mit seinem Autorenerlös Kinder dabei, Zugang zu Sprache zu bekommen.
Damit schliesst sich für mich ein kleiner sprachlicher Circle-Kreis.
Meine Bewertung
Ein ungewöhnliches, ruhiges und trotzdem kurzweiliges Buch mit einer eigenwilligen und wunderschönen Sprache. Und für mich eines, das gerade deshalb noch eine Weile im Kopf bleiben wird.
Als angehende Autorin hat mir der Roman zwei Dinge gelehrt: Man muss sprachlich keinen Mainstream bedienen und man darf auch Bücher schreiben, in denen nicht auf jeder zweiten Seite eine neue „Katastrophe“ passiert, um die Handlung voran zu treiben.
Ich gebe dem Buch eine Leseempfehlung für Menschen, die schöne Sprache schätzen und gerne beobachten. 5 von 5 Sterne.