Buchrezension zu „Nur ein Abschied“ von Lena Neve und Anna Cavelius

Nur ein Abschied von Lena Neve und Anna Cavelius ist ein Roman über einen Verlust, der eine Familie aus ihrem bisherigen Leben reißt. Eine der beiden jugendlichen Töchter stirbt plötzlich, und zurück bleiben Eltern, die Schwester, ein Pferd und Menschen, die mit diesem Verlust auf ganz unterschiedliche Weise umgehen müssen.

Mein Leseerlebnis

Zu Beginn hatte ich beim Lesen ein ungewohntes Gefühl. Die unmittelbare Trauer der Familie wird so nah und intensiv erzählt, dass ich mich beinahe voyeuristisch gefühlt habe. Als würde ich in einen sehr privaten Moment hineinsehen, in den ich eigentlich gar nicht gehöre. Das war stellenweise unangenehm, hat mich aber gleichzeitig sehr stark an das Buch gebunden.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass „Nur ein Abschied“ weit mehr sein möchte als ein Roman über den unmittelbaren Trauerprozess. Die Lebensgeschichten der Eltern, besonders die des Vaters, nehmen einen großen Raum ein. Alte Verletzungen, Erfahrungen aus Kindheit und Jugend und prägende Erlebnisse werden erzählt und erklären, weshalb die Familienmitglieder so unterschiedlich mit dem Verlust umgehen. Das fand ich grundsätzlich sehr interessant.

Die Botschaft

Gerade darin liegt für mich eine der größten Stärken des Romans: Er zeigt, dass es keine einheitliche Art gibt zu trauern. Manche Menschen weinen, andere können kaum weinen. Manche ziehen sich zurück, andere funktionieren weiter. Für den einen bedeutet ein Verlust einen kompletten Bruch im Leben, während ein anderer nach außen scheinbar schnell wieder in seinen Alltag findet.
Und genau hier setzt für mich auch eine wichtige gesellschaftliche Botschaft des Buches an. Trauer ist von außen nicht immer sichtbar. Wie jemand trauert, sagt wenig darüber aus, wie tief der Verlust ihn getroffen hat. Ich finde es wichtig, dass Literatur solche unterschiedlichen Formen von Trauer sichtbar macht, denn noch immer wird das Verhalten Trauernder viel zu schnell bewertet.

Ist es eher ein Generationenroman?

Gleichzeitig hatte ich im Mittelteil des Romans das Gefühl, dass mir die Familiengeschichte irgendwann etwas zu viel Raum einnimmt. Ich hatte mich beim Lesen vor allem auf die Trauerarbeit dieser Familie eingestellt. Die Vergangenheit der Eltern und Großeltern ist zwar wichtig, und sie erklärt vieles, aber stellenweise entfernte sie mich ein wenig von der eigentlichen Geschichte: von der verstorbenen Tochter und von der Frage, wie die Zurückgebliebenen mit ihrem Verlust weiterleben.
Das ist für mich allerdings eher eine Frage der Gewichtung als ein grober Kritikpunkt. Denn die Familiengeschichten sind interessant erzählt und tragen dazu bei, die Figuren besser zu verstehen. Außerdem findet der Roman am Ende wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Das Abschiedsfest für das verstorbene Mädchen führt die verschiedenen Ebenen noch einmal zusammen und gibt der Geschichte einen stimmigen Abschluss. Ich habe dort tatsächlich geweint.

Der Schreibstil

Sprachlich hat mir der Roman ebenfalls sehr gut gefallen. Die Sprache ist angenehm und schön und ruhig, passend zum Anlass. Trotz des schweren Themas empfand ich die Geschichte nie als unangenehm schwerfällig. Es gibt sogar eine gewisse Spannung, obwohl „Nur ein Abschied“ insgesamt ein ruhiger Roman ist. Eine kleine spirituelle Ebene hat mich dabei stellenweise an „Die Hütte“ erinnert, auch wenn sie im Roman eher eine Nebenrolle spielt.

Was bleibt?

Was mir nach dem Lesen vor allem geblieben ist, ist der Gedanke, wie unterschiedlich Menschen und sogar Tiere mit Verlust umgehen und wie wenig wir manchmal sehen können, was in einem trauernden Menschen wirklich vorgeht.
Nur ein Abschied ist für mich deshalb ein berührender und wichtiger Roman über Verlust, Familie, alte Verletzungen und Verbundenheit. Ich hätte mir im Mittelteil etwas mehr Raum für die unmittelbare Trauerarbeit und etwas weniger Familiengeschichte gewünscht. Trotzdem hat mich das Buch emotional erreicht und mich noch einmal darüber nachdenken lassen, wie vorsichtig wir mit dem Urteil über andere Menschen und ihre Trauer sein sollten.
Ein ruhiges, intensives und sehr gefühlvolles Buch, das mir trotz kleiner Kritik lange im Kopf bleiben wird.

Leseempfehlung und Bewertung

Besonders empfehle ich das Buch Leser:innen, die nicht vor dem traurigen Thema zurückschrecken und psychologische Familienromane über mehrere Generationen mögen. Ich bin sehr froh, den Roman gelesen zu haben und gebe ihm 4,5 von 5 Sterne.

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