Buchrezension zu „Der Raum, der bleibt“ von Harry Kämmerer

„Wenn Eltern gehen, gerät das eigene Leben auf den Prüfstand.“ Dieser Satz steht unter dem Buchcover und war für mich tatsächlich ein wichtiger Teil dessen, mit welcher Erwartung ich an „Der Raum, der bleibt“ herangegangen bin. Der Autor ist Harry Kämmerer. Erschienen ist der Roman beim Verlag „Nagel und Kimche“.


Die Ausgangssituation des Romans hat mich sofort neugierig gemacht:  Anton, ein erfolgreicher Unternehmer einer Druckerei aus Südtirol, stirbt. Sein Sohn Thomas findet alte Kriegstagebücher und entdeckt darin eine Seite seines Vaters, die ihm bislang unbekannt war. Er bedauert nämlich, nicht intensiver mit seinem Vater über dessen Vergangenheit geredet zu haben. Anton hatte ein Leben vor seiner Familie. Ein Leben, in dem er sich während des Zweiten Weltkriegs freiwillig zur Wehrmacht meldete, weil er hoffte, dass Südtirol deutsch werden würde. Erst später erkennt er, dass er sich geirrt hatte und Hitlers Politik gefolgt war. Thomas beginnt zu recherchieren…

Für mich lag in dieser Ausgangssituation vor allem eine andere Geschichte: Was macht es mit einem Menschen, wenn er nach dem Tod eines Elternteils feststellt, dass dieser ein ganz anderes Leben geführt hat, als man selbst geglaubt hat? Wie verändert sich das Bild vom eigenen Vater? Und was macht man mit einem solchen Wissen? Genau diese psychologische und familiäre Ebene hätte mich besonders interessiert. Der Roman schlägt allerdings einen anderen Weg ein:

Nach dem Einstieg mit Thomas rückt Anton immer stärker ins Zentrum. Und so wird aus der Geschichte über einen Sohn, der seinen Vater neu kennenlernen muss, vor allem die Lebensgeschichte eines Mannes im Südtirol des 20. Jahrhunderts.

Und diese Lebensgeschichte ist durchaus interessant

Anton wächst in einer großen Familie auf. Auch seine Geschwister und deren Lebenswege spielen eine Rolle. Dazu kommen die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Südtirol, die Zeit des Nationalsozialismus, der Krieg und die Jahre danach. Besonders spannend fand ich die Frage nach der Zugehörigkeit Südtirols und die politischen Spannungen zwischen Italien und Deutschland. Anton ist dabei kein unbeteiligter Beobachter. Er trifft Entscheidungen, die er später anders beurteilen wird.

Dass die Figur auf einer realen Person beruht, wie der Autor im Nachwort erklärt, gibt dem Ganzen noch einmal eine besondere Dimension. Natürlich ist nicht alles tatsächlich so geschehen, einige Dinge sind für den Roman ergänzt oder weggelassen worden. Trotzdem hatte ich beim Lesen oft das Gefühl, einer Lebensgeschichte zu folgen, die stark an eine historische Biografie erinnert.

Vielleicht erklärt das auch ein Stück weit meinen Eindruck vom Erzählstil

„Der Raum, der bleibt“ erzählt sehr viel. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass der Autor möglichst viele Facetten dieses Lebens und dieser Familie unterbringen wollte. Neben Anton lernt man zahlreiche weitere Personen kennen, erfährt viel über seine Geschwister und deren Familien und bekommt immer wieder weitere Episoden aus ihrem Leben erzählt.
Vieles davon ist interessant. Trotzdem habe ich mich zwischendurch gefragt, ob es wirklich jede dieser Geschichten gebraucht hätte.
An manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr erzählerische Konzentration gewünscht. Manche Szenen wirkten auf mich fast wie ein Anlass, um eine weitere Person oder eine weitere Information in die Geschichte einzuführen. Da geht beispielsweise jemand ins Café und trifft dort eine andere Person. Das Treffen selbst ist gar nicht unbedingt der entscheidende Punkt. Es schafft vielmehr die Möglichkeit, dass diese beiden miteinander sprechen und der Leser dadurch wieder etwas über einen weiteren Teil der Familiengeschichte erfährt. Dies ist einer der Gründe, warum sich das Buch für mich stellenweise so berichtend liest.

Auch die Dialoge haben diesen Eindruck bei mir verstärkt. Einige Gespräche wirken weniger wie ein natürliches Gespräch zwischen zwei Menschen, sondern eher wie Informationen, die zwischen zwei Figuren verteilt werden. Manchmal hatte ich deshalb das Gefühl, eigentlich einem Monolog zu folgen, der unnatürlich klang.

Das ist schade, weil gerade die Geschichte selbst durchaus viel hergibt.
Ich hätte mir mehr Nähe zu Anton gewünscht. Mehr von dem, was in ihm vorgeht. Was bedeutet es für einen jungen Südtiroler, sich für die Wehrmacht zu entscheiden, weil er glaubt, damit seiner Heimat zu dienen? Wie fühlt sich die Erkenntnis an, sich geirrt zu haben? Was bleibt von solchen Entscheidungen zurück, wenn Jahrzehnte vergangen sind? Der Roman bespricht zwar, DAS diese Entscheidungen gefallen sind, aber weniger, WAS diese Entscheidungen mit Anton gemacht haben. Und vor allem hätte ich mir mehr von Thomas gewünscht.

Denn für mich war Thomas eigentlich die Figur, die den Roman besonders interessant gemacht hat. Ein Sohn entdeckt nach dem Tod seines Vaters dessen Vergangenheit und muss damit leben, dass sein bisheriges Bild von diesem Menschen nicht mehr stimmt und so manche Lücke hat. Das ist eine Geschichte, in der sehr viel psychologische Tiefe steckt.
Am Ende schließt sich zwar der Kreis. Thomas kommt wieder ins Geschehen, und die Beerdigung, mit der der Roman beginnt, bildet zugleich den Abschluss. Dadurch bekommt das Buch eine schöne Klammer und wirkt als Ganzes rund.
Trotzdem bleibt bei mir die Frage, was Thomas nun eigentlich mit all dem Wissen macht.
Er weiß am Ende mehr über seinen Vater. Der Leser weiß sehr viel mehr über Anton. Aber die innere Auseinandersetzung des Sohnes mit diesem neuen Wissen hätte ich mir ausführlicher gewünscht.

Ich bin also mit den falschen Erwartungen an dieses Buch herangegangen. Das kann ich durchaus anerkennen. Wer einen psychologischen Familienroman erwartet, in dem vor allem die Auswirkungen eines lange gehüteten Familiengeheimnisses im Mittelpunkt stehen, könnte ähnlich überrascht sein wie ich.
Wer dagegen eine historische Lebensgeschichte sucht, die anhand einer Familie einen Teil der Geschichte Südtirols erzählt, dürfte mit „Der Raum, der bleibt“ deutlich mehr anfangen können.

Genau für diese Leserinnen und Leser möchte ich das Buch auch empfehlen

Für Menschen, die sich für Geschichte interessieren, für Leserinnen und Leser, die biografisch erzählte Geschichten mögen. Für alle, die mehr über Südtirol und seine bewegte Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren möchten und auch für diejenigen, die Freude daran haben, eine einzelne Lebensgeschichte vor dem Hintergrund großer politischer und gesellschaftlicher Veränderungen zu verfolgen.

„Der Raum, der bleibt“ ist für mich deshalb kein schlechtes Buch. Ganz im Gegenteil: Es erzählt eine interessante Geschichte und beschäftigt sich mit einem historischen Abschnitt, über den ich beim Lesen einiges erfahren habe. Nur die Art, wie diese Geschichte erzählt wird, hat mich nicht immer erreicht.
Mir fehlte die psychologische Tiefe, die ich aufgrund des Claims erwartet hatte. An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, dass der Roman sich etwas stärker auf seine zentrale Geschichte konzentriert.

Meine Bewertung

Am Ende bleiben deshalb vier von fünf Sternen und eine Leseempfehlung für die oben genannte Interessengruppe. Dieses Buch hat mir gezeigt, wie sehr die eigene Erwartung beeinflusst, was man aus einer Geschichte mitnimmt und das Erwartungen manchmal auch falsch sein können. Das macht die erzählte Geschichte nicht automatisch schlechter. Man muss nur bereit sein, sie als das zu lesen, was sie sein möchte.

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