Buchrezension zu „Flucht aus der Stille“ von Jana Hassepass

Der Roman „Flucht aus der Stille“ von der Autorin Jana Hassepass ist für mich eine eine schöne Zumutung.

Was macht es mit einer Familie, wenn ein Mensch verschwindet und niemand weiß, was mit ihm geschehen ist? Und was, wenn er wiederkommt? Im autofiktionalen Roman „Flucht aus der Stille“ erzählt Jana Hassepass von Heinrich, der 1949 nach Russland verschleppt wird und von seiner Frau Klara und den Kindern Max und Lene, sowie Oma Martha, die mit seiner Abwesenheit leben müssen. Es folgt eine Familiengeschichte über Verlust, sehr viel Schuld und die Frage, wie viel eine Familie aushalten kann, ohne daran zu zerbrechen. Erschienen ist das Buch im Ultraviolett Verlag.

Besonders beeindruckt hat mich, wie klug und bewusst dieser Roman angelegt ist. Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Nach und nach fügt sich zusammen, was die einzelnen Figuren erlebt und für sich behalten haben. Dabei geht es um Heinrichs Schicksal und um die Menschen, deren Leben durch sein Verschwinden aus der Bahn gerät.

Hoffnung aufrecht halten, um den Verstand nicht zu verlieren.

Beim Lesen habe ich mir einen Satz notiert: „Hoffnung aufrecht halten, um den Verstand nicht zu verlieren. Auf beiden Seiten.“ Für mich bringt er einen wesentlichen Gedanken des Romans auf den Punkt. Heinrich hofft auf die Rückkehr, während Klara und die Kinder versuchen, mit einer Ungewissheit zu leben, die ihren Alltag durchzieht. Die Hoffnung verbindet sie, obwohl sie voneinander getrennt sind. Zugleich wird sie zu einer Last, weil niemand weiß, worauf er eigentlich hoffen darf. Heinrich kommt wieder zu seiner Familie, so viel sei verraten. Doch ist damit wieder alles gut?

Auch die Entwicklung von Max und Lene hat mich beschäftigt. Die beiden müssen viel zu früh Verantwortung übernehmen. Lene versucht, durch Ordnung und Anpassung für Stabilität zu sorgen. Max übernimmt schon als kleiner Junge Aufgaben, die eigentlich bei den Erwachsenen liegen sollten. Beide lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Die Abwesenheit des Vaters und das Schweigen der Erwachsenen prägen sie weit über ihre Kindheit hinaus. Hier zeigt sich für mich besonders deutlich, wie bewusst die Autorin ihre Geschichte konstruiert hat: Ein Ereignis betrifft nie nur den Augenblick, sondern verändert auch die Menschen, die damit aufwachsen müssen.

Der Schreibstil

Die Sprache ist stellenweise reduziert und gerade dadurch sehr wirkungsvoll. Die Kälte des Lagers lässt sich beinahe körperlich spüren, während die stillen Szenen eine bedrückende Atmosphäre entfalten. Gelegentlich hatte ich allerdings den Eindruck, dass die Autorin eine Wirkung noch einmal erklärt, die durch die Szene selbst bereits spürbar geworden ist. Das schmälert für mich die Stärke des Romans, der seine Lesenden an vielen anderen Stellen sehr gut zwischen den Zeilen lesen lässt, nur wenig.

Mein Leseeindruck

Leicht ist diese Lektüre für mich nicht gewesen. Nach manchen Kapiteln brauchte ich eine Pause, um das Gelesene und die Gefühle, die es ausgelöst hat, erst einmal sacken zu lassen. Besonders die Begegnungen innerhalb der Familie haben mich berührt, weil hier sichtbar wird, wie schwer es ist, nach Jahren der Trennung wieder zueinanderzufinden. Menschen können einander lieben und sich trotzdem fremd werden. Sie können sich nach Nähe sehnen und zugleich an dem festhalten, was sie voneinander trennt.

Das Schweigen ist für mich dabei der zentrale Punkt, an dem ich mit dem Roman gerungen habe. Ich verstehe, dass es manchmal leichter sein kann, etwas unausgesprochen zu lassen, als ein Gespräch zu führen, das eine Trennung bedeuten könnte. Solange niemand eine endgültige Entscheidung trifft, bleibt die Hoffnung auf ein gemeinsames Morgen bestehen. Trotzdem habe ich mich gefragt, wie Menschen über so viele Jahre schweigen können, obwohl noch Liebe da ist. Diese Frage hat mich bis zum Ende begleitet.

Flucht aus der Stille ist für mich ein tiefgründiger, klug durchdachter und emotional schwerer Roman. Er erzählt davon, wie zerstörend Verlust und Schuld über Jahrzehnte hinweg wirken können und wie sehr das Ungesagte ein Leben prägt. Nicht jede Entscheidung der Figuren konnte ich für mich auflösen, doch gerade die durchdachte Anlage der Geschichte und ihre leisen, eindringlichen Momente sind mir in Erinnerung geblieben.

Meine Leseempfehlung

Ich würde dieses Buch Menschen empfehlen, die sich auf eine anspruchsvolle Familiengeschichte einlassen möchten und bereit sind, auch die schweren Gefühle auszuhalten, die sie auslöst. Es ist keine Lektüre, die mir Freude im klassischen Sinne bereitet hat. Aber eine, die mich beschäftigt, berührt und zum Nachdenken gebracht hat.

Eine schöne Zumutung eben.

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