Ich bekomme inzwischen regelmäßig Anfragen von Autorinnen und Autoren, die mir ihre Bücher als Rezensionsexemplar anbieten. Gerade im Selfpublishing begegnen mir dabei sehr unterschiedliche Bücher. Einige sind noch ein bisschen rau an den Kanten, andere wirken sehr professionell, wieder andere sprechen mich schon über ihr Thema an, bevor ich überhaupt die erste Seite gelesen habe.
Je mehr Bücher mir angeboten werden, desto bewusster wird mir, dass ich längst nicht mehr nur danach entscheide, ob mich eine Geschichte interessiert. Ich schaue mir die Leseprobe und das Cover an, dann lande ich vielleicht auf der Website. Zum Schluss schaue ich noch, ob ein Instagramprofil vorhanden ist. Das bedeutet, ich bilde mir bereits ein Urteil, bevor ich das Buch überhaupt gelesen habe.
Das finde ich interessant, weil ich dieses Urteil gar nicht unbedingt für gerecht halte.
Ein Cover sagt nichts Sicheres über die Qualität eines Romans aus und eine schöne Website beweist kein gutes Manuskript. Ein sympathisches Instagramprofil macht noch keine gute Autorin. Und umgekehrt kann ein ziemlich unbeholfenes Cover ein wunderbares Buch verstecken.
Trotzdem beeinflusst all das meine Entscheidung.
Warum?
Weil ich beim Aussuchen eines Buches nicht nur nach Qualität suche. Ich suche auch nach Vertrauen.
Selfpublishing hat in den vergangenen Jahren enorm viel möglich gemacht. Wer ein Buch schreiben möchte, muss nicht mehr darauf warten, dass ein Verlag das Manuskript auswählt. Viele Dinge, die früher an große Strukturen gebunden waren, können heute von einzelnen Autorinnen und Autoren organisiert werden: Lektorat, Korrektorat, Buchsatz, Covergestaltung, Druck, E-Book, Hörbuch, Vertrieb und natürlich auch die Vermarktung. Es gibt für fast jeden Schritt Menschen, die ihr Handwerk beherrschen und ihre Dienstleistungen anbieten.
Das ist eine ziemlich schöne Entwicklung. Ein Buch kann heute entstehen, weil jemand eine Geschichte erzählen möchte, nicht weil irgendwo am Anfang ein Gatekeeper entschieden hat, dass diese Geschichte in ein Verlagsprogramm passt.
Nur verschiebt sich damit auch ein Problem:
Wenn immer mehr Bücher professionell produziert werden können, wird es für Leserinnen und Leser schwieriger, sich allein an der Oberfläche zu orientieren.
Ein professionelles Buch sieht professionell aus. Das ist zunächst einmal alles. Aber irgendwann stellt sich die Frage:
Welche Signale helfen uns eigentlich noch dabei, einem Buch zu vertrauen?
Vielleicht ist es genau deshalb kein Zufall, dass ich inzwischen so genau auf die kleinen Dinge achte. Ich möchte nicht unbedingt das Gesicht eines Autors sehen. Ein Mensch darf selbstverständlich entscheiden, wie viel er von sich zeigen möchte. Ein Autorenprofil muss für mich kein persönliches Familienalbum sein. Aber ich möchte irgendwo eine Spur dieses Menschen finden: Ein Satz auf der Website, der mir erzählt, warum diese Geschichte überhaupt entstand, oder ein Portrait. Vielleicht eine Leseprobe, bei der ich nach zwei Seiten denke: Ah, da schreibt jemand mit einer ganz eigenen Stimme.
Aber ich hasse Marketing. Und ich möchte, dass mein Roman ausschließlich für sich spricht. Ich bleibe lieber im Hintergrund…
Solche und ähnliche Aussagen von Autor:innen lese ich immer wieder auf Instagram. Dabei wären Schriftsteller:innen früher vielleicht sogar froh gewesen, präsenter sein zu dürfen. Autorinnen und Autoren mussten sich lange darauf verlassen, dass der Verlag ihr Buch nach außen vertritt. Der Verlag kümmerte sich um Cover, Klappentext, Pressearbeit, Buchhandel und im besten Fall auch darum, wer über das Buch spricht. Zwischen dem Menschen, der ein Buch geschrieben hat, und dem Menschen, der es später liest, lagen eine Menge trennende Hürden.
Social Media hat diese Hindernisse kleiner gemacht.
Heute kann eine Autor:in selbst erzählen, warum sie dieses Buch geschrieben hat. Sie kann zeigen, woher eine Idee kam, woran sie jahrelang gearbeitet hat, was sie bei der Recherche entdeckt hat oder welche Figur ihr besonders nahegeht. Sie kann mit Leserinnen und Lesern ins Gespräch kommen, bevor diese überhaupt die erste Seite ihres Buches gelesen haben. Und sie kann eine Beziehung aufbauen, die früher in dieser Form gar nicht möglich war. Ich finde das großartig.
Denn genau dort entsteht etwas, das kein Klappentext leisten kann: Nähe.
Nicht jede Autor:in muss dafür täglich posten und ihr Privatleben zeigen. Und niemand muss sich zur Influencer:in machen, nur weil er ein Buch veröffentlicht hat. Aber die Möglichkeit, selbst sichtbar zu werden, ist da. Und ich glaube, wir unterschätzen manchmal, was für ein Geschenk das für Autorinnen und Autoren sein kann.
Gerade deshalb finde ich es schade, wenn diese persönliche Ebene vollständig durch eine möglichst perfekte Außenwirkung (oder keine) ersetzt wird. Denn wenn heute ein Mensch sein Buch praktisch direkt zu mir nach Hause bringen kann, möchte ich manchmal auch ein bisschen etwas von diesem Menschen auf dem Weg dorthin entdecken.
Die Sache mit den KI-Covern
Ich stelle mir das wie bei einem Auto vor: Die Geschichte ist der Motor. Darin steckt die eigentliche Arbeit. Die Figuren, die Recherche, die Sprache, die Jahre, in denen jemand an dieser Geschichte gearbeitet hat. Aber irgendwann braucht dieser Motor eine Karosserie.
Natürlich macht die Karosserie den Motor nicht besser.
Aber sie entscheidet darüber, wie ich das Auto zum ersten Mal wahrnehme. Ob ich stehen bleibe und neugierig werde, oder ob ich weitergehe. Beim Buch ist das Cover diese Karosserie.
Es muss nicht teuer aussehen und auch nicht besonders spektakulär sein. Aber es sollte etwas in mir auslösen. Spoiler: KI-Cover schaffen das bei mir nicht!

Das habe ich kürzlich besonders deutlich bei einem Cover gemerkt.
Ein Autor hatte mir einen historischen Roman angeboten, der mich vom Inhalt her wirklich interessiert hat. Eine Familiengeschichte über mehrer Generationen. Genau die Art von Roman, bei der ich normalerweise neugierig werde.
Das Cover zeigte ein Bild, welches mit generativer KI erstellt worden war, und der Autor hatte das auch transparent angegeben. Trotzdem hatte ich ein Problem damit. Ich musste eine Weile darüber nachdenken, warum eigentlich, denn der Autor hatte mich nicht belogen. Im Gegenteil: Er hatte offen gesagt, wie das Cover entstanden war. Ich wusste also, dass ich keiner Täuschung aufgesessen war. Trotzdem fühlte es sich für mich ein bisschen so an.
Und irgendwann habe ich verstanden, warum: Ich hatte in diesem Bild Leidenschaft gesucht und nicht gefunden. Da setzt sich einer Monate, wenn nicht sogar Jahre hin und schreibt einen Roman. Und dann klatscht er mir eine KI-Hülle hin? Ich hatte das Cover nicht nur als dekorative Oberfläche betrachtet. Ich hatte darin eine Entscheidung gesehen.
Und plötzlich stellte sich heraus: Diese Spur, die ich glaubte zu lesen, war gar keine menschliche Spur.
Vielleicht ist das der Grund, warum sich sichtbare KI-Nutzung für mich manchmal fast wie Betrug anfühlt. Wenn ich ein Buch betrachte, gehe ich unbewusst eine kleine Beziehung ein. Da ist jemand, der etwas geschrieben hat, und ich bin jemand, der es lesen soll. Ich erwarte keine perfekte Person dahinter. Ich muss nicht alles über diesen Menschen wissen. Aber ich gehe zunächst einmal davon aus, dass das, was mir gezeigt wird, etwas über diesen Menschen und seine Geschichte erzählt.
Wenn ich dann erfahre, dass etwas, das ich als persönlichen Ausdruck gelesen habe, künstlich erzeugt wurde, entsteht eine merkwürdige Verschiebung. Ich bekomme einen Vertrauenskratzer.
Ich habe einem Bild eine Bedeutung gegeben, die es gar nicht hatte. Transparenz kann verhindern, dass ich getäuscht werde. Aber Transparenz kann nicht verhindern, dass sich mein Vertrauen verändert.
Vielleicht hat der Autor des historischen Romans hat seinem Cover zu wenig Bedeutung beigemessen. Oder ihm gefällt das Cover sogar wirklich. Andere Leserinnen und Leser werden es vermutlich völlig anders empfinden als ich. Ich kann nur sagen, was es bei mir ausgelöst hat. Und bei mir blieb diese Frage:
Wenn schon die äußere Spur künstlich erzeugt wurde, wo finde ich dann den leidenschaftlichen Menschen dahinter?
Gerade bei diesem Buch fand ich das besonders schade. Denn der Roman spielte in einer konkreten Landschaft, mit einer konkreten Geschichte und einer konkreten Verbindung des Autors zu dieser Region. Ein echtes Foto hätte für mich viel mehr erzählt. Es hätte nicht einmal besonders professionell sein müssen. Vielleicht wäre gerade die Unperfektheit interessant gewesen.
KI ist aber schnell und preiswert
Und da merke ich, dass meine KI-Kritik vielleicht gar nicht in erster Linie eine Kritik ist. Sondern es geht um Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Wenn ich einem Menschen meine Aufmerksamkeit schenke, möchte ich spüren, dass dieser Mensch mir ebenfalls ein bisschen Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt hat.
Ich brauche kein perfektes, teures Autorenfoto und keine tägliche Inszenierung auf Instagram.
Aber wenn ein Buch, sein Cover, die Website und das gesamte Autorenprofil so wirken, als könnten sie genauso gut für zehn andere Bücher und zehn andere Menschen verwendet werden, fehlt mir etwas.
Genau das macht Social Media für Autorinnen und Autoren eigentlich so interessant.
Denn zum ersten Mal müssen sie sich nicht ausschließlich darauf verlassen, dass ein Verlag für sie erzählt, wer sie sind. Sie können selbst zeigen, was hinter ihrem Buch steckt. Sie können ihre Leserinnen und Leser mitnehmen. Sie können Fragen stellen, Gedanken teilen, Recherche zeigen, über Figuren sprechen, über Zweifel erzählen. Sie können sichtbar machen, dass ein Buch nicht einfach eines Tages fertig auf einem Tisch liegt, sondern irgendwo angefangen hat: in einem Gedanken, einer Erinnerung, einer Beobachtung, einer Landschaft, einem Satz.
Das ist eine Möglichkeit, die ich großartig finde. Und genau deswegen sollten wir sie gerade deshalb nicht verschenken, indem wir die persönliche Ebene komplett durch perfekte, austauschbare Inhalte ersetzen. Authentizität kostet nichts!
Je einfacher es wird, eine professionelle Oberfläche herzustellen und Inhalte mit KI zu erstellen, desto interessanter wird das, was sich nicht so leicht kopieren lässt: Die individuelle Persönlichkeit der Autoren.
Persönlichkeit ist Trumpf
Nicht alles, was von Menschen gemacht wurde, ist automatisch besser. Das wäre genauso romantisch wie die Vorstellung, alles Künstliche sei grundsätzlich schlecht. Aber wir werden uns in einer Welt zunehmender Möglichkeiten irgendwann wieder fragen müssen, woran wir uns eigentlich orientieren. Wenn jedes Buch professionell aussehen kann, welches Buch verdient dann unsere Aufmerksamkeit? Wenn jedes Autorenprofil aus KI besteht, wem glauben wir dann?
Vielleicht werden deshalb Autor:innen wichtiger, die Persönlichkeit zeigen.
Ich merke das zumindest an mir selbst. Je mehr Rezensionsexemplare mich erreichen, desto weniger kann ich einfach alles lesen, was interessant klingt. Meine Lesezeit ist begrenzt. Also muss ich auswählen. Und je größer die Auswahl wird, desto wertvoller wird für mich Orientierung. Diese Orientierung erhalte ich aber nicht durch eine perfekte KI-Oberfläche, sondern durch Menschlichkeit. Einfach nur diese kleine, ziemlich unspektakuläre Gewissheit:
Da ist ein Mensch. Ich möchte wissen, was dieser Mensch geschrieben hat.