Darum geht es:
Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch nimmt Petra Lupp sich gemeinsam mit ihrem Mann eine längere Auszeit. Wohnung aufgeben, Wohnmobil unterstellen, Deutschland verlassen und für mehrere Wochen durch Thailand, Vietnam und Kambodscha reisen. Diese Reise lässt sich sehr gut mit ihr unternehmen. Petra Lupp beobachtet in ihrem erzählenden Sachbuch aufmerksam und hat ein gutes Gespür für kleine Szenen. Fischer, Märkte, Landschaften, Menschen, Städte und Begegnungen werden detailliert beschrieben. Dazu kommen viele Informationen über die bereisten Länder. Das ist interessant, abwechslungsreich und stellenweise sehr atmosphärisch.

Wo ich mehr erwartet hätte
Der Titel „Aufbruch zu mir“ weckt allerdings eine andere Erwartung: die, nach einer persönlichen Reise nach innen. Petra Lupp nimmt durchaus Erkenntnisse mit. Sie entdeckt, wie wichtig ihr Natur und Ruhe sind, dass sie nicht jedes touristische Highlight erleben muss und dass man seinen Sorgen nicht einfach davonreisen kann. Sie beschäftigt sich mit Selbstfürsorge, Gelassenheit und dem Gedanken, anders sein zu dürfen. Mir fehlte jedoch häufig der Schritt dahinter. Viele dieser Erkenntnisse werden eher als fertige Gedanken präsentiert, als dass ich ihren Entstehungsprozess miterleben konnte. Ich hätte gerne mehr von der Frau kennengelernt, die hinter diesen Erkenntnissen steht: Welche Muster haben sie in die Erschöpfung geführt? Was hat sie wirklich verändert? Und woran merkt sie nach ihrer Rückkehr, dass diese Reise etwas in ihr bewegt hat?
Ein Privileg, das mich beschäftigt hat
Ein Sabbatical dieser Art ist ein grosses Privileg. Petra Lupp reflektiert an einigen Stellen selbst, dass bestimmte Gedanken oder Reaktionen von ihr durchaus privilegiert wirken können. Gerade deshalb hätte ich mir hier noch mehr Auseinandersetzung gewünscht. Denn die Frage ist spannend: Was passiert mit einem Menschen, der schon sehr viel gesehen und erlebt hat? Wann wird aus bewusster Auswahl eine gewisse Übersättigung? Und was bedeutet es, wenn Dinge, die für andere ein einmaliges Erlebnis wären, für einen selbst kaum noch Reiz besitzen? Hier hätte das Buch für mich noch tiefer gehen können.
„Lieber umsteigen als aussteigen“
Besonders gut gefällt mir Petra Lupps Motto: „Lieber umsteigen als aussteigen.“ Darin steckt für mich eine der stärksten Ideen des Buches. Es muss nicht immer der radikale Neuanfang sein. Manchmal reicht es, die Richtung zu verändern. Auch #WerteWorteWandel finde ich als Gedanken sehr interessant. Welche Werte haben sich durch die Reise tatsächlich verändert? Welche Worte würde Petra heute anders wählen? Und woran zeigt sich dieser Wandel im Alltag? Genau diese Fragen bleiben für mich ein wenig offen.
Von der Reisejournalistin zur Reiseschriftstellerin
Spannend finde ich, dass Petra Lupp selbst ihren Weg von der Reisejournalistin zur Reiseschriftstellerin beschreibt. Den Schritt traue ich ihr durchaus zu. Sie kann beobachten und erzählen. Ihr Blick für kleine Details ist eine ihrer Stärken. Für mich liegt die nächste Entwicklung darin, diese Beobachtungen noch stärker mit ihrer eigenen Geschichte zu verbinden. Was macht ein Ort mit ihr? Was löst eine Begegnung aus? Was verändert sich dadurch in ihrem Denken? Dann würde aus der äusseren Reise noch stärker eine innere werden.
Mein Fazit
„Aufbruch zu mir“ hat mich als Reisebericht mehr überzeugt als als Selbstfindungsbuch. Ich habe viel über Thailand, Vietnam und Kambodscha erfahren und Petra Lupps Beobachtungen gerne gelesen. Aber ich hätte mir mehr persönliche Tiefe gewünscht. Weniger fertige Lebensweisheiten, mehr Einblick in den Prozess, der zu ihnen geführt hat. Ich bin sehr gerne mit Petra gereist und bin gespannt, wann die Fortsetzung des Buches erscheint. Vier von fünf Sternen.