Interview mit der Autorin Jule Marek

Kürzlich las und rezensierte ich Jule Mareks Roman „Wenn wir Frauen uns einig wären“. Nun durfte ich Jule zu ihrem Buch interviewen.

1. In deinem Roman geht es auch ums Tauchen. Woher kommt dein Wissen darüber?

Ich habe vor 16 Jahren tauchen gelernt, obwohl ich das schon viel früher geplant hatte. Ich bin schon als Kind nie geschwommen, habe immer nur getaucht. Meine Taucherfahrung beschränkt sich auf warme Gewässer. Zuletzt war ich am Great Barrier Reef in Australien, 5 Tage auf einem Boot, jeden Tag  5-6 Tauchgänge. Unter Wasser ist für mich ein Ort, an dem ich total entspanne. 

2. Warum spielt das Buch in Florida?

Ich brauchte einen Ort, an dem es Riffe gibt, um dem Tauchen, so wie ich es kenne, Platz einzuräumen. Im Mittelmeer muss man sehr tief tauchen, um annähernd so schöne Spots zu finden und die Tierwelt ist anders. Und ich wollte diese amerikanische Smalltown als Schauplatz, in der ich eine eigene kleine Welt schaffen konnte, in der die Geschichte funktioniert.

3. Warum ist dir das Thema weiblicher Zusammenhalt so wichtig?

Ich war Geschäftsführerin in einem frauendominierten Unternehmen. In dieser Rolle habe ich mich im Innenverhältnis mit Frauen in Gruppen  und im Außenverhältnis mit Männern auseinandergesetzt, die um Macht und Einfluss rangen. Zwischen den Ansichten und der Art,
sich zu behaupten von beiden Gruppen lagen Welten. Während ich die Frauen motiviert habe, selbstbewusst zu sein, und gemeinsam um die Sache zu kämpfen, war ich bei den Männern auf der Suche nach Substanz hinter ihrem großspurigen Auftreten. Das beschäftigt mich sehr, genau wie das Gefühl, nicht ins Raster ‚Frau‘ zu passen. Als Geschäftsführerin war das gut, aber im Sozialleben ist das schwierig. Ich halte eine Rede vor 100 Leuten, aber zu einer Gruppe Frauen dazustoßen kostet mich Überwindung.

4. Wie sind die vier Frauen entstanden und welcher Charakter fiel dir am leichtesten zu schreiben?

Ich wollte eine nette, eine geradlinige und eine fiese Frau aufeinandertreffen und zur Sprache kommen lassen. Deshalb bekam jede ihre eigene Stimme. Denn das ist die Wahl, die du unter Frauen hast: Füge dich ein (Lenie), stich alle anderen aus (Sena) oder geh allein, weil du aneckst (Rics). Rics fiel mir am leichtesten. Ich finde eine kämpferische Hauptdarstellerin fiel einfacher zu schreiben als eine, die wie Lenie zögert oder wie Sena den offenen Kampf meidet. Ich wollte aus Sena eigentlich eine fiese Bitch machen, die intrigiert.  Aber das funktioniert nicht aus ihrer POV, denn eine Bitch sieht sich selber nicht als Bitch. Madlin brauchte ich als Grund für die Frauen, ihre Ansichten zu überwinden. Bei Männern wäre es wahrscheinlich ein Überlebenskampf gewesen, Frauen einigt eher die Not anderer.

5. Wie wichtig war Lenis Entwicklung für die Geschichte?

Für mich war jede Entwicklung gleich wichtig. Rics Kampf liegt im Außen, Lenie kämpft mit sich selbst und Sena kämpft mit Erwartungen ihrer Familie. Rics Rückzug, Senas pragmatischer Egoismus, Lenies Selbstzweifel an ihrer Wahrnehmung – alles sind für mich Auswirkungen der patriarchalen Welt. Lenie verkörpert, wie man uns Frauen gern hätte – empathisch, sich für andere einsetzend, das Glück in der Beziehung suchend. Nach dem Motto: Frauen kämpfen für andere, Männer kämpfen für sich selbst. Wenn Frauen für sich selbst kämpfen, werden sie schräg angesehen – von Männern UND Frauen. Deshalb wird Lenie positiver als Sena wahrgenommen. Aber Lenie darf sich selbst nicht aus dem Blick verlieren. Und ganz anders drauf zu sein, so wie Riks und Sena, hat genauso seine Berechtigung als Frau. Wir brauchen die Toleranz in den Köpfen der Frauen, mindestens genauso sehr wie in den Köpfen der Männer. Sonst wird das nichts mit gleichberechtigter Teilhabe. Und kommt mir nicht mit: So sind wir eben. Die Männer lassen wir damit auch nicht durchkommen.

6. Was hat dich an den Themen Lokalpolitik und Journalismus gereizt?

Das Buch spielt in einer Smalltown, die als Spiegel unserer Welt funktioniert, dazu gehören Politik und Journalismus. In der patriarchalen Gesellschaft dreht sich alles um Macht, Geld und Information bzw. Meinungsbildung – das sind ihre Waffen. Die Männer nutzen diese selbstverständlicher als wir, viele Frauen gehen diesen Themen aus dem Weg . Uns ist anderes wichtig. Aber damit machen wir uns was vor. Wir müssen mitmischen und uns mit diesen Waffen beschäftigen, in Politik und Wirtschaft. Denn sie beeinflussen unser Leben unmittelbar. Und da diese Waffen nicht unsere erste Wahl sind, sollten wir einander helfen, statt uns gegenseitig anzuzweifeln. Gemeinsam ist das leichter.

7. War von Anfang an geplant, dass aus persönlicher Solidarität politisches Engagement wird, oder hat sich das so ergeben?

Eigentlich wurde es Engagement in allen Bereichen, sozial, persönlich, aber auch politisch. Es war für mich logisch. Ich wollte die Frauen nicht erneut auf den sozialen Bereich beschränken, darauf werden wir zu oft reduziert. Und reduzieren uns teilweise auch selbst darauf, weil es bequemer ist. In einer Gesellschaft gehört Politik dazu, dort werden die Regeln gemacht, die über unsere gesamtgesellschaftliche Teilhabe entscheiden. Man kann Soziales und Politisches nicht trennen. Wie oft wollte ich eine kompetente Frau befördern, die abgewunken hat. Teilhabe muss man nicht nur einfordern, sondern auch wahrnehmen.

Liebe Jule Marek, ich wünsche dir viele begeisterte Leser:innen und alles Gute für zukünftige Schreibprojekte. Danke für das Interview!

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