Buchrezension zu „Void – Nach der Leere“ von Lina Gröning

Ich habe „Void“ von Lina Gröning in drei Tagen durchgelesen, ohne lange Zeit zu wissen, wo das Buch eigentlich hin will. Und genau DAS fand ich so klasse.

Worum geht es?

Rita lebt in Woidt, einem grauen Ort, den sie auch genau so wahrnimmt: grau. Ihr Alltag ist geprägt von ihrer Arbeit als Reinigungskraft, ihrem Mann, dem Leben im Hochhaus und den immer gleichen Wegen mit dem Fahrrad zu ihren Putzstellen. Vieles davon ist unspektakulär und trotzdem hatte ich beim Lesen nie das Gefühl, dass das Buch selbst langweilig ist. Das liegt daran, dass man Rita sehr nah durch diesen Alltag begleitet. Man beobachtet sie beim Fahrradfahren, bei der Arbeit, in ihrer Beziehung und in ihren Begegnungen mit den Menschen um sie herum. Besonders die Bewohner des Hochhauses haben mir gefallen. Sie sind so beschrieben, dass ich schnell ein klares Bild von ihnen im Kopf hatte, obwohl der Roman gerade einmal 128 Seiten umfasst. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viel Atmosphäre auf so wenigen Seiten entsteht. Das Grau zieht sich durch Ritas Leben und wird dabei fast zu einem eigenen Charakter. Umso passender ist das Cover, das genau dieses Gefühl aufgreift: Grau, mit einem gelben Auto als Farbtupfer. Auch der Untertitel „Nach der Leere“ fügt sich sehr stimmig in dieses Gesamtbild ein. Rita selbst beginnt im Laufe der Geschichte, Grenzen zu überschreiten. Dabei wird es zunehmend interessanter, weil man sich fragt, was eigentlich hinter dieser Leere steckt und wie weit sie bereit ist zu gehen. Gleichzeitig bleibt lange offen, wohin die Geschichte führen wird. Selbst kurz vor dem Ende wusste ich noch nicht so recht, was ich von all dem eigentlich erwarten soll.

Eine Frage, die sich mir stellt…

Eine kleine Schwierigkeit hatte ich mit einem Handlungsstrang, der im Laufe der Geschichte immer mehr Raum bekommt. Ich konnte seine symbolische Bedeutung durchaus nachvollziehen und fand den Gedanken dahinter interessant. Gleichzeitig hatte ich irgendwann das Gefühl, dass dieser Strang für mich etwas von dem eigentlichen Kern der Geschichte überlagert: Ritas Leben in dieser Eintönigkeit und die Frage, was passiert, wenn man irgendwann aus einem solchen Leben ausbrechen möchte. Dadurch hat sich für mich auch die Wirkung des Endes ein wenig verschoben. Ich hätte mir vorstellen können, dass Ritas Aufbruch noch stärker aus ihrer eigenen Unzufriedenheit heraus entsteht. So blieb bei mir eine gewisse Ambivalenz zurück, die ich zwar interessant fand, die aber für mich etwas von der eigentlichen Idee des Romans abgelenkt hat.

Das Ende wirft Fragen. Es ist offen, aber für mich trotzdem stimmig. Ich hätte mir noch Antworten auf einige Fragen gewünscht, gleichzeitig passt gerade dieses Unfertige zu dem, was „Void“ erzählen möchte.

Zurück bleibt bei mir vor allem die Frage, wie viel Grau man in seinem eigenen Leben hinnimmt, bevor man anfängt, nach Farbe zu suchen. Was hält Menschen in Beziehungen, die vielleicht längst mehr von Gewohnheit als von Liebe geprägt sind? Und wie viel Verantwortung trägt man eigentlich selbst für das eigene Glück?

Sprachlich liest sich Void sehr leicht und schnell. Das Buch lässt Bilder im Kopf entstehen. Was mich besonders beschäftigt, ist die Kürze dieses Romans. „Void“ braucht keine 300 Seiten, um eine Geschichte zu erzählen und dabei etwas zum Nachdenken zurückzulassen. Für mich war es ein Kurzroman für zwischendurch, der sich schnell lesen lässt und trotzdem länger im Kopf bleibt.

Meine Bewertung

Meine Erkenntnis: Dieses Buch hat mir ein bisschen den Druck genommen, meinen eigenen entstehenden Roman in die Länge zu ziehen, nur weil „man“ halt lieber umfassendere Bücher liest. Ein Roman muss nicht dick sein, um ein richtiger Roman zu sein. Void hat mir gezeigt, dass manchmal 128 Seiten reichen können, um eine ziemlich große Frage zurückzulassen. Ich gebe dem Buch aufgrund des oben beschriebenen „abzweigenden“ Handlungsstrangs vier von fünf Sternen. Aufgrund seiner Atmosphäre und sehr guten Figurenzeichnung hätt es eigentlich mehr verdient.

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