Was macht eine schwere Erkrankung mit einer Frau, die ihr ganzes Leben lang gelernt hat, vor allem auf sich selbst zu vertrauen?

Worum geht es?
Im Roman „Der Kernbeißer“, erschienen im Neissufer Verlag erzählt die Autorin Carmen Rohrbach autofiktional von einer Frau, die mit einer Krebserkrankung konfrontiert wird und diese weitgehend mit sich selbst ausmacht. Dabei geht es gar nicht ausschliesslich um die Krankheit. Die Erkrankung wird vielmehr zum Anlass, auf das eigene Leben zurückzublicken: auf ihre Kindheit und Jugend, auf ihre Flucht aus der DDR, auf ihre Familie, auf Beziehungen, Enttäuschungen und auf ihr lange gepflegtes Leben als Einzelgängerin.
Besonders interessant fand ich dabei ihren Umgang mit dem Alleinsein. Freiheit und Unabhängigkeit sind für sie lange selbstverständlich. Gleichzeitig wächst irgendwann die Sehnsucht nach einem Menschen, bei dem sie ganz sie selbst sein kann, mit dem sie die schönen und schwierigen Momente des Lebens teilen kann. Die Krebserkrankung scheint dabei eine Rolle zu spielen und verändert ihren Blick auf das eigene Leben noch einmal.
Inhaltlich fand ich diese Lebensgeschichte hochinteressant. Die Art, wie sie von ihrer Erkrankung erzählt, hat mich allerdings überrascht, denn Chemotherapie, Operation und weitere Behandlungen werden vergleichsweise nüchtern beschrieben. Es entsteht dadurch wenig Krankheitsdrama. Stattdessen wird die Erkrankung zu einem Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.
Der Schreibstil
Beim Lesen hatte ich immer wieder eine gewisse Distanz zur Protagonistin. Carmen Rohrbach berichtet viel über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse, auch über sehr existenzielle Gedanken. Ich verstand dadurch, was sie denkt und welche Erfahrungen sie geprägt haben. Was mir jedoch häufig fehlte, war das unmittelbare Gefühl dahinter. Ich beobachtete diese Frau beim Lesen eher, als dass ich sie wirklich erlebte.
Umso stärker wirkten auf mich die wenigen Szenen, in denen sich Gefühle aus einer konkreten Situation heraus entwickelten. Eine indirekte Begegnung mit ihrem Vater, bei der beide über eine besprochene Kassette versuchten, trotz der Trennung zwischen Ost und West miteinander verbunden zu bleiben, ist mir beispielsweise besonders im Gedächtnis geblieben. Solche Momente haben mich wesentlich stärker erreicht als manche der beschriebenen Erkenntnisse.
Der Roman ist für mich sehr kurzweilig und ließ sich flüssig lesen. Größere Längen empfand ich nicht, auch wenn es einzelne Szenen gibt, bei denen ich mich fragte, ob sie für die Geschichte tatsächlich notwendig sind.
Am Ende schließt sich mit dem Kernbeißer ein schöner Kreis. Aus dem Vogel, der zu Beginn tot gegen die Fensterscheibe fliegt, wird ein Lebewesen, um das sich die Protagonistin kümmert. Auch ihre eigene Entwicklung scheint sich zu einem neuen Lebensentwurf zu verdichten: Aus der Frau, die lange vor allem ihre Unabhängigkeit schätzt, wird eine Frau, die entdeckt, wie schön es sein kann, Erlebnisse mit einem Partner zu teilen.
Ein Gedanke
Trotzdem bleibt bei mir eine Frage offen: Ist diese Veränderung tatsächlich durch die Krebserkrankung entstanden? Oder wäre die Protagonistin vielleicht auch ohne die Krankheit irgendwann an diesem Punkt angekommen? Ihre Sehnsucht nach Nähe war schließlich schon vorher vorhanden.
Bestimmt lässt sich diese Frage gar nicht eindeutig beantworten. Und vielleicht ist gerade das interessant: Die Krankheit könnte eine Entwicklung ausgelöst haben, die ohnehin irgendwann ihren Weg gefunden hätte. Oder sie hat lediglich etwas beschleunigt, das bereits lange in ihr angelegt war. Wer weiß?
Meine Einschätzung
„Der Kernbeißer“ ist für mich ein interessantes, stellenweise berührendes und unterhaltsames Buch, das mich emotional allerdings nicht ganz erreichte. Vielleicht liegt genau darin auch seine Besonderheit: Es erzählt weniger davon, wie sich ein Leben anfühlt, als davon, was eine Frau aus ihrem Leben gelernt hat.
Ein Buch, über das ich nach dem Lesen mehr nachgedacht habe, als ich während des Lesens gefühlt habe.
Ich empfehle diesen Roman Leser:innen, die gerne Lebensgeschichten und Biografien lesen, in denen weniger die dramatische Handlung als die Gedanken und Erkenntnisse eines Menschen im Mittelpunkt stehen. Wer dagegen vor allem emotionale Nähe zu einer Figur sucht, könnte die beobachtende Erzählweise als distanziert empfinden. Das Buch erhält von mir 4 von 5 Sternen.