Dieses Buch hat eine ordentliche Portion „Lies mich“.
Ich wollte immer nur noch ein Kapitel lesen und habe dann doch weitergelesen. „Voll im falschen Film“ ist rasant, turbulent und voller Höhen und Tiefen. Die Geschichte entwickelt einen enormen Sog, obwohl die Spannung für mich gar nicht unbedingt wie bei einem klassischen Thriller funktioniert. Ich wollte einfach wissen, wie es mit Nora weitergeht und befand mich zwischendurch in einer Art Leserausch. Erschienen ist der Roman im Pendragon Verlag.

Worum geht es?
Nora ist Schauspielerin und trockene Alkoholikerin. Bis sie in einen Keller voll mit Alkohol eingesperrt wird, sodass ihre Sucht wieder eine zentrale Rolle in ihrem Leben einnimmt. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, was eigentlich hinter dem Ganzen steckt. Und so verschiebt sich der Fokus im Verlauf der Geschichte immer wieder zwischen Sucht, persönlichem Schicksal und Kriminalfall.
Besonders gut gefallen hat mir, wie Wiebke Lorenz mit dem Thema Alkoholismus umgeht. Der Roman vermittelt erstaunlich viel über Sucht und unterschiedliche Formen von Alkoholabhängigkeit, ohne sich dabei wie ein Aufklärungsbuch anzufühlen. Genau das ist für mich eine der grossen Stärken des Buches: Die Informationen sind Teil der Geschichte und werden nicht mit erhobenem Zeigefinger präsentiert.
„Alkoholismus ist die einzige Erkrankung, bei der man bestraft wird, sobald man Symptome zeigt.“ (S. 336)
Dieser Satz ist mir besonders hängen geblieben. Denn Alkoholabhängige werden gesellschaftlich noch immer sehr schnell auf ihr Verhalten reduziert. Der Roman schafft es, den Menschen hinter der Sucht sichtbar zu halten.
Auch die Familie bekommt dabei ihren Raum. Nora ist Mutter, und ihre Sucht hat damit Konsequenzen, die weit über sie selbst hinausgehen. Gleichzeitig ist da ihre eigene Mutter, die sich um ihre Tochter sorgt. Für mich war diese familiäre Ebene besonders interessant, weil sie zeigt, wie viele Rollen und Beziehungen von einer Sucht betroffen sein können.
Der Schreibstil
Sprachlich ist das Buch klar, salopp und angenehm direkt. Es wird wenig herumgeschmückt, und gerade das passt hervorragend zur Geschichte. Der Sprachstil ist im Endeffekt nüchterner als das alkoholvernebelte Hirn der Protagonistin. Und manchmal wird es dabei herrlich trocken:
„Tagelang hatte ich in meinem eigenen Schweiß mariniert und roch vermutlich entsprechend.“ (S. 192)
Genau diese Mischung aus Direktheit und Humor mochte ich sehr.
Interessant fand ich ausserdem, dass Wiebke Lorenz über eine Figur im Buch, der als Drehbuchautor arbeitet, auch noch Fachwissen über Dramaturgie und verschiedene Plotstrukturen in die Geschichte einfliessen lässt. Neben dem Wissen über Alkoholismus bekommt man damit ganz nebenbei noch einen kleinen Einblick in die Konstruktion von Geschichten. Das hat mir als Leserin und als jemand, der selbst schreibt, besonders gut gefallen.
Und dann ist da natürlich noch der Krimi. Ich hatte im Laufe der Geschichte durchaus einmal einen Verdacht, wer hinter allem stecken könnte. Das hat meinem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch getan. Die Auflösung war für mich trotzdem überraschend genug und vor allem hat die Geschichte bis zum Ende ihren Sog behalten.
Ich hatte zwischendurch sogar so sehr mit Nora mitgefiebert, dass ich mich dabei ertappt habe, wie sehr ich mir für sie ein gutes Ende wünsche. Und das will bei mir etwas heissen, denn grundsätzlich mag ich durchaus Bücher ohne Happy end.
Ob meine Hoffnung für Nora in Erfüllung gegangen ist, verate ich an dieser Stelle nicht.
Meine Bewertung
„Voll im falschen Film“ hat mich nicht nur sehr gut unterhalten. Der Roman hat mich über Alkoholismus nachdenken lassen, ohne dass ich mich dabei belehrt gefühlt hätte. Er erzählt eine spannende Kriminalgeschichte, gibt seiner Protagonistin gleichzeitig erstaunlich viel Raum und schafft es, eine gesellschaftlich wichtige Thematik ganz selbstverständlich in die Handlung einzubauen. Für mich ist das eine ausgesprochen gelungene Mischung. Verdiente 5 von 5 Sterne!
Und ja: Dieses Buch würde ich uneingeschränkt weiterempfehlen.