Der Roman „Die Bernsteinfischerin“ von der Autorin Lisa Quentin erzĂ€hlt die Geschichte von Julika, die ĂŒber Bernstein forscht und von Ebba Bredow, einer alten Frau, deren Leben eng mit der Ostsee und dem Bernstein verbunden ist. Die zwei Frauen treffen sich.
Doch irgendwann rĂŒckte die Handlung fĂŒr mich in den Hintergrund. Stattdessen hatte ich das GefĂŒhl, einem GesprĂ€ch ĂŒber das Leben zuzuhören.
Ăber Trauer, Tod, Flucht und Vertreibung, Kinder, die viel zu frĂŒh Verantwortung fĂŒr ihre Eltern ĂŒbernehmen und ĂŒber Entscheidungen, die getroffen wurden, weil sie getroffen werden mussten. Egal zu welchem Preis.
Auch die Themen Mutterschaft und (ungewollte) Kinderlosigkeit, sowie Depression werden angesprochen.

Was mich am meisten berĂŒhrt hat, war jedoch etwas anderes:
Die Wut. Ja, auch die laute, zerstörerische Wut. Aber auch diese stille Wut, die entsteht, wenn Menschen ihr Leben nicht so leben können, wie sie es sich gewĂŒnscht hĂ€tten. Wenn Verpflichtungen, Schicksal oder gesellschaftliche Erwartungen stĂ€rker waren als die eigenen TrĂ€ume, die Freiheit.
WĂ€hrend des Lesens wurde mir bewusst, warum mich dieses Thema so trifft:
Ich trage selbst eine Wut in mir. Keine, die sich gegen einen bestimmten Menschen richtet. Eher eine tiefe Ahnung, dass die Frauen vor mir oft nicht frei waren. Dass meine Mutter, meine GroĂmutter und vielleicht noch Generationen davor ihr Leben nur innerhalb enger Grenzen gestalten konnten.
Ob das tatsÀchlich so war, weià ich nicht.
Aber dieses GefĂŒhl begleitet mich. Und ja, auch ich komme hĂ€ufig an meine Grenzen, ordne mich unter.
Und plötzlich hielt ich ein Buch in den HÀnden, das dieser Wut einen Platz gab, ohne sie erklÀren oder bewerten zu wollen.
Das tat gut. Vielleicht auch deshalb, weil der Roman nie dramatisch werden will. Er vertraut darauf, dass leise Töne oft lÀnger in uns klingen, als laute.
Der Sprachstil
Sprachlich hat mich das Buch ebenfalls sehr ĂŒberzeugt. Die Sprache ist ruhig, angenehm und gleichzeitig klar. Sie trĂ€gt die Geschichte, ohne sich in den Vordergrund zu drĂ€ngen. Genau die Art von Literatur, die ich liebe.
Und dann ist da noch das Meer…
Ich weiĂ nicht, wie andere Leserinnen und Leser das empfinden. FĂŒr mich ist das Meer nie nur Kulisse. Es macht Gedanken weiter. Es erinnert mich daran, dass das Leben gröĂer ist als der Alltag, in dem wir uns oft verlieren.
Vielleicht habe ich mich deshalb in diesem Roman so zu Hause gefĂŒhlt.
Ein weiterer Punkt, den ich besonders schĂ€tze: Das Buch ist erstaunlich rund. Fragen, die frĂŒh aufgeworfen werden, finden spĂ€ter ihren Platz. ZusammenhĂ€nge werden sichtbar. Nicht alles endet glĂŒcklich, aber alles endet stimmig. Das ist eine QualitĂ€t, die ich in Romanen sehr mag.
Als ich die letzte Seite gelesen hatte, blieb vor allem ein GefĂŒhl zurĂŒck: Melancholie.
Aber keine hoffnungslose Melancholie.
Eher die bittersĂŒĂe Erkenntnis, dass unser Leben nicht nur aus den Wegen besteht, die wir gegangen sind, sondern auch aus denen, die wir nie betreten haben.
Fachliche QualitÀt
Was mich zusĂ€tzlich beeindruckt hat, war die Sorgfalt, mit der Lisa Quentin wahrscheinlich recherchiert hat. Die Bernsteinforschung wirkt nie wie bloĂes Hintergrundwissen, sondern wie ein selbstverstĂ€ndlicher Teil der Geschichte. Auch die Entwicklung des Ostseebades Niendorf und des Fremdenverkehrs ist so stimmig eingebunden, dass ich an keiner Stelle das GefĂŒhl hatte, hier wĂŒrde Wissen nur zur Schau gestellt. Es macht den Roman glaubwĂŒrdig und lĂ€sst einen tief in diese Welt eintauchen.
Ăber alternde Menschen
Besonders berĂŒhrt hat mich die Figur der alternden Ebba, vielleicht auch deshalb, weil sie mich an meine Zeit als Pflegekraft erinnert hat. Ich mochte schon damals die Menschen, die als „nicht ganz einfach“ galten. Die, die widersprachen und ExtrawĂŒnsche hatten. Die nicht gefallenn wollten. Hinter dieser Sperrigkeit steckten oft die bewegendsten Lebensgeschichten. Vielleicht habe ich deshalb eine Sympathie fĂŒr Ebba entwickelt. Sie ist keine Figur, die man einfach nur liebhaben soll. Sie ist ein Mensch mit Kanten. Und genau das macht sie so glaubwĂŒrdig.
Meine Bewertung
Die Bernsteinfischerin ist fĂŒr mich ein Roman ĂŒber Freiheit. Ăber das, was Menschen trĂ€gt. Ăber das, was sie festhĂ€lt. Und ĂŒber den Mut, sich dem eigenen Leben ehrlich zuzuwenden, um nichts zu bereuen.
FĂŒr mich gehört dieses Buch zu den schönsten und tiefsten Leseerfahrungen des Jahres.
Es bekommt 5 von 5 Sterne.
Das Buch liegt bei mir schon bereit, wartet auf Eroberungđ
Ich war bei der Premierenlesung von Lisa Quentin und ihrer Bernsteinfischerin in Hamburg-Harburg. Es war eine auĂergewöhnlich schöne Lesung, die neugierig macht. Sie erzĂ€hlte von ihren Recherchen fĂŒr dieses Buch. Ich war sehr beeindruckt und freue schon sehr darauf, es endlich zu lesen!
Daher wundert es mich nicht, dass es dir ebenso gefĂ€llt. Liebe GrĂŒĂe
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