Momentan sieht man viele Reels, viele Beiträge, in denen ein Lied genutzt wird, in dem dazu aufgerufen wird, dass man oben, unten, vorne und hinten gute Laune haben sollte. „Aber das ist doch nur ein Lied für die gute Stimmung!“, könntest du jetzt sagen. Und du hast recht: Natürlich darf es Partylieder geben! Aber ist das wirklich nur ein Partyhit? Für mich schwingt da noch etwas anderes mit: Dass negative Gefühle möglichst schnell übertönt werden sollen. Mit Frohsinn, Ablenkung, oder noch schlimmer: Mit Ignoranz.
Genau dieses Muster kann aber nach hinten losgehen. Ich habe das selbst in meiner Kindheit erlebt: Wenn ich schlechte Laune hatte, wurde versucht, das schnell zu drehen. Durch Spaß, Kitzeln, Ablenkung, oder mit den Worten: „Ist doch gar nicht so schlimm. Jetzt lach doch mal wieder!“
Was ich daraus gelernt habe? Negative Gefühle sind nicht erwünscht! Und darüber wird auch nicht geredet. Sie müssen so schnell wie möglich bekämpft werden! Dadurch habe ich nicht ausreichend gelernt, mit ihnen umzugehen. Und ich bin mir sicher: So wie mir geht oder ging es vielen Menschen! Irgendwann entsteht dann der Eindruck, dass es falsch ist, solche Gefühle überhaupt zu haben.

Im Erwachsenenleben zeigt sich dann manchmal dass, was in unserer Kindheit versäumt wurde. Wir entwickeln Strategien, die helfen sollen, diese unerwünschten, vermeintlich falschen Gefühle nicht zu spüren, oder sogar zu betäuben.
Ich merke das auch bei mir selbst. Ich habe in meiner Kindheit gelernt, dass negative Gefühle weder wirklich gezeigt wurden noch begleitet wurden. Und ich merke im Erwachsenenleben, dass ich dadurch oft die Rolle übernommen habe, die gute Laune zu halten. Die Lustige zu sein, die, die es leicht macht. Wenn jemand in meinem Umfeld, mein Mann oder meine Kinder, schlechte Laune haben, dann merke ich sofort, dass etwas in mir anspringt. Ein Programm, das automatisch läuft.
Zuerst nehme ich die Stimmung auf. Das liegt wahrscheinlich an meiner Hochsensibilität. Auch in mir macht sich dann ein ungutes Gefühl breit. Der Ärger fährt mir sofort in den Bauch, wo der dann liegt wie eine Bleikugel. Ich frage mich dann: Warum ist die Stimmung so? Habe ich etwas falsch gemacht? Wie kann ich das wieder ändern? Und ich fühle mich schnell zuständig für diese schlechte Laune. Als müsste ich sie verändern. Aushalten, dass jemand anderes schlechte Laune hat? Habe ich nie gelernt. Clown Steffi ist zur Stelle!
Zum Glück lebe ich schon ein paar Jahre mit mir zusammen 😉 und habe mein Muster erkannt. In unguten Situationen pfeife ich mich innerlich zurück und kann es immer besser aushalten, wenn jemand schlechte Laune hat. „Das ist deine Laune, nicht meine„, sage ich dann zu mir selbst und versuche nicht gleich, die Stimmung wieder zu heben. Ich lenke meinen kleinen Sohn auch nicht mehr einfach ab, wenn er genervt ist, oder traurig, sondern ersuche mit ihm über seine Gefühle zu reden, sie bewusst wahrzunehmen. Er soll nicht denken, dass sein Ärger schlimm ist oder er das Falsche fühlt. Wenn ich selbst schlechte Laune habe, kommuniziere ich das mittlerweile aktiv nach außen. Auch, um diese negativen Gefühle vor der Familie nicht zu verschweigen.
Ich glaube, es ist wichtig, Kindern genau das mitzugeben: Schlechte Laune gehört dazu und muss auch nicht sofort aufgelöst werden.
Ich habe einen Vorschlag für eine zusätzliche Strophe, um aus dem Gute-Laune-Hit auch eine Schlechte-Laune-Alternative zu machen:
„Ich habe oben schlechte Laune, unten schlechte Laune, vorne schlechte Laune, hinten schlechte Laune und die gehört dazu!“