Ich schreibe gerade einen Roman. Mit jeder Seite sammle ich neue Erkenntnisse. Nun bin ich einer Sache auf die Schliche gekommen, die ich unbedingt mit dir teilen möchte. Plötzlich macht alles Sinn für mich:
Meine Wut
Schon seit meiner Pupertät habe ich feine Antennen für Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechterrollen. Damals regten mich beispielsweise die großen H&M Plakate auf, auf denen Frauen für Unterwäsche warben, während man kaum halbnackte Männerkörper sah. Kurze Zeit später bemerkte ich, dass mein Lehrkrankenhaus alle männlichen Krankenpfleger nach der Ausbildung ungeachtet ihrer Noten übernahm, während wir Mädchen uns woanders umschauen mussten. In mir züngelte eine leise, unterschwellige Wut. Dieses Gefühl und dieses Gespür begleitet mich seitdem immer wieder, obwohl ich selbst meistens noch gut wegkam bei geschlechtsspezifischen Ungerechtigkeiten. Ich konnte mir nie erklären, woher dieser glühende innere Unmut kam. Bis ich in der letzten Woche etwas über Epigenetik gelesen habe.
Was ist Epigenetik?
Epigenetik beschreibt, wie Lebenserfahrungen Gene an- oder abschalten können, ohne die DNA selbst zu verändern. Diese „Schalterstellungen“ entstehen z. B. durch Stress, Ernährung oder Traumata und sie können an die nächste Generation weitergegeben werden. Vereinfacht: Wir erben nicht nur Gene, sondern auch die Geschichten, die sie geprägt haben.
Das epigenetische Erbe meiner Mutter
Meine Mutter hatte aufgrund ihres evangelischen Glaubens keinen Zugang zur EOS (erweiterte Oberschule in der DDR). Demzufolge konnte sie auf „normalem Wege“ kein Abitur ablegen. Sie lernte Krankenschwester und arbeitete als OP-Schwester im Schichtdienst. Nebenbei erwarb sie auf der Abendschule das Abitur, denn sie hatte ein Ziel: ein Medizinstudium!
In dieser Zeit lernte sie meinen Vater kennen und lieben. Der war gerade fertig mit seinem Studium und wollte eine Familie gründen. Er war für DDR-Verhältnisse schon recht alt (um genau zu sein 31 Jahre zur Hochzeit) und stellte meine Mutter vor ein Ultimatum: Entweder wir heiraten und gründen eine Familie, oder du studierst. Das war sein Antrag. Meine Mutter dachte eine Nacht darüber nach und entschied sich dann, meinen Vater zu heiraten.
„Selber schuld“, könnte man jetzt denken, aber so richtig frei war diese Entscheidung nicht. Meine Mutter war damals 23 Jahre alt und (heute ist man da eher sehr jung) hörte ihre biologische Uhr ticken. Zudem liebte sie ja meinen Vater. Sie heirateten und bekamen drei Töchter. Ich bin die Mittlere. Meine Mutter arbeitete nach der Geburt meiner großen Schwester als Sprechstundenhilfe in einer Arztpraxis. Nach meiner Geburt blieb sie daheim und wurde Hausfrau. Ich bin mir sicher, sie litt darunter, ihre beruflichen Träume nicht erfüllen zu können. Kurz nach der Wende bewarb sie sich noch einmal als Krankenschwester im Krankenhaus, aber man sagte ihr: Vollzeit, oder gar nicht! Daher blieb sie weiterhin Hausfrau und kümmerte sich um uns drei Kinder, Papa und meine alternden Großeltern, die immer mehr Hilfe benötigten. Was ihr fehlte: Anerkennung und Zeit für Selbstfürsorge! Sie füllte zwar Freiräume mit ehrenamtlicher Arbeit, aber sie schimpfte oft darüber, dass sie wegen uns Kindern kaum noch Zeit hatte zu lesen, oder zu stricken. Es ist einfach zu sagen, dass man sich ja aussuchen könne, ob man Kinder möchte, oder nicht. Ich glaube, diese Fragestellung wird erst jetzt so richtig populär. Früher gehörte das Kinderkriegen einfach dazu. Ob sie sich heute wieder so entscheiden würde? Ich werde sie mal fragen…
Meine Mutter erlebte also in zweierlei Hinsicht Ungerechtigkeit: Einmal durch das System, dass ihr keinen Zugang zur EOS erlaubte und einmal durch ihre Frauenrolle, die sie vom Studium abhielt. Meine Mutter erlebte, wie ihre Karriere hinter der ihres Mannes zurückstehen musste.
Der Wandel des Erbes
Ich denke, der Lebensweg meiner Mutter könnte uns drei Schwestern epigenetisch geprägt haben. Meine beiden Geschwister blieben beide kinderlos. Ich trage diese unterschwellige Magma-Wut mit mir herum und konnte mir bisher nie erklären, woher sie kam. Ich war schon immer die Rebellischste von uns Töchtern. Während meine Schwestern den Weg der Vermeidung gingen, dachte ich mir: Jetzt erst recht! Ich bekam einen Sohn und studierte danach. Mittlerweile habe ich zwei Kinder und bin berufstätig.

Heilung durch mein Buch
Ich schreibe gerade einen Roman. Darum geht es um eine Frau mit einer typischen Mutterrolle und ihrer Überforderung durch Mental Load, den ihr Mann nicht tragen muss. Vielleicht möchte ich mit diesem Buch ein bisschen das Gleichgewicht wieder herstellen. Heilen. Meine geerbte Wut besänftigen. Ich möchte auf die Schieflage in unserer Gesellschaft aufmerksam machen und zum Sprachrohr für meine Mama und die vielen ungesehenen Frauen da draußen werden. Ihre Entbehrungen dürfen nicht umsonst gewesen sein!
Aus Rotz wird Trotz. Aus Wut wird Mut!
Was das alles mit Selbstfürsorge zu tun hat
In meinem Blogbeitrag Warum Selbstfürsorge kein Luxus ist, sondern die Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung schreibe ich, dass wir Selbstfürsorge brauchen, um handlungsfähig werden zu können. Wir müssen aktiv aus dem Hamsterrad aussteigen, um Energie für Veränderung zu erhalten. Ich selbst gehe mit gutem Beispiel voran und achte da recht häufig drauf. Nur deswegen ist es mir möglich, reflektieren zu können und schlussendlich Kapazitäten für mein Buchprojekt zu haben.
Zudem möchte ich meinen Kindern vorleben, wie Selbstfürsorge aussieht. Ich hoffe, dass sie sie dadurch nicht als Luxus ansehen, sondern als etwas ganz natürliches, so wie essen und schlafen. Sie sollen sehen, dass eine Mutter Zeit für sich braucht und auch Väter Verantwortung übernehmen können. Vielleicht trage ich dazu bei, dass es künftige Generationen an Frauen und Müttern leichter haben.
Mein Roman dient aber noch einem zweiten Zweck: Es ist mein Kokonprojekt. Ein Langzeit-Selbstfürsorgeprojekt mit transformativer Energie. Was das ist? Darüber gibt es einen Blogbeitrag: Kokon-Projekt: Langzeit-Selbstfürsorge, die dich verwandelt Ich merke jetzt schon, wie mich das Schreiben verändert. Wie ich immer klarer werde und Antworten finde, nach denen ich nie gefragt habe. Wie eingangs schon geschrieben: Plötzlich ergiebt alles einen Sinn!






















