Ich habe in den letzten Monaten etwas in der „Bookstagram-Bubble“ beobachtet, das mich echt irritiert und wütend gemacht hat: Instagramposts, bei denen offensichtlich ist, dass sie niemand wirklich gelesen hat, bekommen innerhalb von Sekunden Likes und Kommentare. Antworten, die auf jeden Post passen würden, egal ob es um eine persönliche Erfahrung, einen literarischen Text oder eine Buchrezension geht. Kleine Herzchen, die schneller verteilt werden, als man überhaupt einen Absatz erfassen könnte.

Ich bin der Sache auf den Grund gegangen und habe Muster erkannt: Man trifft sich unter Bookies (das gibt es aber auch in anderen „Instagram-Szenen“) zu sogenannten „Community-Times“ und liket sich blind die ersten paar Beiträge. Resonanz wird simuliert. Damit wird Austausch zur Pflichtübung. Und damit verliert der Inhalt des geliketen Beitrags komplett an Bedeutung.
Was mich daran mehr irritiert hat als alles andere, war nicht einmal die Praxis an sich. Es war das Gefühl, dass Mühe, Tiefe und echte Auseinandersetzung entwertet werden, wenn Reaktionen unabhängig vom Inhalt verteilt werden. Ich schreibe Texte, in die Zeit, Denken und innere Arbeit fließen. Ich schreibe über Themen, die nicht leicht verdaulich sind, die Reibung erzeugen, die nicht nach drei Sekunden abgeschlossen sind. Wenn auf so einen Text eine generische Antwort kommt, die genauso gut unter einem Sonnenuntergang oder einem Katzenfoto stehen könnte, oder ein Like innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde, fühlt sich das nicht nach Verbindung an, sondern ich fühle mich irgendwie betrogen.
Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie sehr mich das beschäftigt. Mehr, als es eigentlich sollte. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich nach dem Posten unruhig auf Zahlen geschaut habe, wie ich innerlich verglichen habe, wie ich mich gefragt habe, warum ich mich überhaupt so über ein paar digitale Herzchen aufrege. An diesem Punkt wurde mir klar, dass Instagram viel zu viel Raum in meinem Kopf eingenommen hatte. Ich schwankte zwischen einem diffusen Würdegefühl und dem sehr realen Druck, sichtbar sein zu müssen, wenn ich mit meinem Schreiben nicht völlig im luftleeren Raum existieren wollte.
Diese Ambivalenz hat mich gezwungen, ehrlicher mit mir zu werden. Ich stehe nicht außerhalb dieses Systems. Ich nutze diese Plattform. Ich profitiere von ihr. Ich will Leserinnen erreichen. Ich will, dass mein Roman, der gerade entsteht, später gesehen wird. Ich bin also keine moralisch überlegene Beobachterin, die von außen mit dem Finger zeigt. Nein: ich habe diese Likespielchen sogar ein paar Wochen lang mitgespielt, obwohl mein Bauchgefühl ungute Signale sendete. Ich war Teil dieses Spiels, auch wenn ich mich in vielen Momenten innerlich dagegen sträubte.
Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass das, was mich so triggert, kein individuelles Fehlverhalten Einzelner ist. Es ist ein strukturelles Phänomen. Plattformen wie Instagram belohnen Geschwindigkeit, Aktivität und Vernetzung. Sie belohnen, wer häufig reagiert, wer viel kommentiert, wer permanent sichtbar bleibt. Qualität, Tiefe und Langsamkeit sind in dieser Logik Nebensachen. Sichtbarkeit entsteht durch Bewegung und nicht durch Substanz.
In so einem System ist es rational, Likes zu tauschen, sich gegenseitig hochzuziehen, Resonanz technisch zu erzeugen. Das ist keine Charakterschwäche, das ist Anpassung an ein Belohnungssystem. Wer in dieser Logik bestehen will, lernt schnell, dass echte Auseinandersetzung Zeit kostet und Zeit algorithmisch unattraktiv ist. Oberflächlichkeit wird nicht gewählt, weil Menschen per se oberflächlich sind, sondern weil das System sie dafür belohnt.
Und trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack. Denn auch wenn ich die strukturelle Logik verstehe, bleibt die Frage, was dabei mit Texten passiert. Mit Worten, die etwas erreichen sollen und mit Gedanken, die mehr sind als ein hübscher Hintergrund für Reichweite.
Lesen ist eine Form von Fokus. Es bedeutet, sich einzulassen, sich Zeit zu nehmen, den anderen ernst zu nehmen. Ungelesene Likes wirken auf den ersten Blick harmlos, fast freundlich. In Wahrheit entwerten sie die Arbeit derjenigen, die schreiben. Sie verwandeln Texte in Dekoration. Sie reduzieren Mühe auf ein visuelles Signal. Sie erzeugen eine Form von Resonanz, die inhaltlich leer ist.
Langfristig schadet das nicht nur den Schreibenden, sondern auch den Lesenden. Wenn alles gleich viel Beifall bekommt, verliert Beifall seinen Sinn. Wenn jedes Wort dieselbe Reaktion auslöst, verliert das Wort an Gewicht. Es entsteht eine Kultur der Bestätigung, in der niemand mehr genau hinschaut, weil Hinschauen sich nicht lohnt.
An diesem Punkt habe ich eine Entscheidung getroffen und meinem Bauchgefühl vertraut: Ich habe beschlossen, dieses Spiel für mich nicht mehr mitzuspielen. Es passt nicht zu dem, was ich schreibe und wie ich arbeiten will.
Ich schreibe Literatur. Ich schreibe über Mutterschaft, Selbstverlust, Wut, innere Spannung, Gleichberechtigung, Würde. Meine Themen brauchen Langsamkeit. Sie brauchen Unbequemheit. Sie brauchen Leserinnen, die bereit sind, einen Text auszuhalten, auch wenn er keine schnelle Erleichterung liefert. Dieser Stoff ist nicht algorithmusfreundlich. Und das wird sich nicht ändern, egal wie sehr ich mich anpasse.
Der Preis dafür ist real. Weniger Reichweite. Langsamere Resonanz. Weniger sichtbare Bestätigung. Ich habe aufgehört, mir vorzumachen, dass ich beides gleichzeitig haben kann: tiefe Texte und schnelle Belohnung. Das eine schließt das andere nicht kategorisch aus, aber es steht in einem strukturellen Spannungsverhältnis. Wer ernsthaft schreiben will, zahlt oft mit weniger Sichtbarkeit. Wer sichtbar sein will, zahlt leider meist mit Oberflächlichkeit. Dazwischen gibt es Kompromisse, aber keine bequemen Lösungen.
Hier schließt sich für mich der Kreis zu meinem Roman. Ich schreibe gerade an einem Buch, das von genau diesen Spannungen handelt. Von Frauen, die funktionieren, statt wirklich zu leben. Von innerem Druck und Würde. Von dem Moment, in dem man merkt, dass man sich selbst vergisst. Es wäre inkohärent, diesen Stoff über ein Spiel zu promoten, das genau das Gegenteil belohnt: Performance statt Innerlichkeit, Lautstärke statt Tiefe, Aktivität statt Wahrhaftigkeit.
Ich will diesen Roman nicht über Reichweitenmechaniken nach oben schieben, die dem Inhalt widersprechen. Ich will ihn auch nicht künstlich verknappen oder dramatisieren, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ich will, dass er langsam seine Leserinnen findet. Diejenigen, die sich in ihm wiederfinden. Diejenigen, die nicht nur ein Herz-Icon dalassen, sondern einen Gedanken mitnehmen.
Ich habe mich auch gefragt, ob diese Haltung naiv ist. Ob ich mir damit selbst im Weg stehe. Ob ich mir eine künstliche moralische Überlegenheit baue, um meine eigene Ungeduld zu kaschieren. Diese Fragen nehme ich ernst. Ich weiß, dass ich mich auch selbst vor unbequemen Wahrheiten schützen kann, indem ich mir eine Haltung konstruiere.
Trotzdem fühlt sich diese Entscheidung für mich sauber an. Sie ist unbequem, aber stimmig. Ich will mich nicht innerlich verbiegen, um in einem System mitzuhalten, das meinen Inhalten widerspricht. Ich will mich nicht über andere erheben, die dieses Spiel spielen. Ich will einfach meinen Platz darin finden, ohne mich selbst zu verraten.
Lesen wir noch oder bestätigen wir uns nur noch gegenseitig? Vielleicht ist das keine moralische, sondern eine kulturelle Frage. Vielleicht müssen wir uns neu daran erinnern, dass Texte mehr sind als visuelle Reize, die man mit einem schnellen Klick abhakt.
Ich bleibe bei Texten, die gelesen werden wollen. Auch wenn sie weniger Herzen bekommen. Wenn du möchtest, dann folge mir gerne: https://www.instagram.com/steffi.im_glueck/