Dieser Satz hat mir gezeigt, warum mein Buch so nötig ist

Am Wochenende war ich als Partnerin zur Weihnachtsfeier der Firma eingeladen, in der mein Mann angestellt ist. Es war sehr schön. Wir verbrachten eine leichte und lustige Zeit mit mir alles fremden Menschen und viel Smalltalk. Tatsächlich fühlte ich mich wohl und locker. Nach viereinhalb Jahren kümmerte ich mich mal zwei Tage am Stück nicht um unseren aufgedrehten, geliebten Sohn. Das tat gut, obwohl ich ihn auch vermisste.

Doch im Laufe des Tages entstand ein Gespräch, das mich drei Tage später immer noch beschäftigt: Ein Mann, bisher für mich der Inbegriff von sympathisch, dynamisch und reflektiert, erzählte meinem Mann, wie schwierig Führungsverantwortung manchmal sei. Er selbst sei in einer leitenden Position und das sei manchmal ganz schön anstrengend. Soweit nichts Besonderes.

Dann fragte er meinen Mann nach dessen früherer Führungsrolle.
Mein Mann antwortete: „Ich hatte damals 20 Leute.“

Und dann fiel dieser Satz. Ein Satz, der in mir sofort eine Art inneres Beben ausgelöst hat:

„Na, da hast du ja jetzt keine Menschen mehr unter dir stehen, außer deiner Frau.“

Bitte was? Ich merkte richtig diesen Schlag in die Magengrube. Ich war für den Bruchteil einer Sekunde wie erstarrt! Wie tief dieser Satz mich traf! Wie viel er auf einmal in mir aufgewühlt hat.
Alles, was ich mit meinem Buch gerade rücken möchte. Alles, was ich an alten Rollenmustern hinter mir lasse. Bevor ich nachdenken konnte, polterte ich zurück:

„Nein. Bei uns ist das eher anders herum.“

Das stimmt so nicht. Ich sehe mich mit meinem Mann absolut gleichberechtigt. Aber dieser Satz hatte etwas in mir verletzt und gedemütigt. In der Wut habe ich ihn einfach reflexhaft umgedreht.

Warum es wichtig ist, über solche Szenen zu reden

Wie gesagt: Jetzt, drei Tage später spüre ich immer noch, wie sehr mich der Satz berührt hat.
Wie tief ich solche Rollenbilder in mir ablehne. Wie klar mir geworden ist, warum mein Buch über Mutter- und Frauenrollen wichtig ist. Denn offenbar gibt es immer noch Menschen, in deren Köpfen Frauen unter Männern stehen. Als wäre das ein Naturgesetz. Dieses Erlebnis hat mir mit voller Wucht klar gemacht, dass es KEINE Einbildung ist, oder wir Frauen einfach nur übertreiben. Nein. Wir haben noch viel Arbeit vor uns, um in unserer ach-so-fortschrittlichen Gesellschaft, gleichberechtigt anerkannt zu sein. Mag sein, dass es manche Frauen nicht stört. Dass sie es hinnehmen. Für mich hat sich dieser Moment so würdelos angefühlt wie schon lange nichts mehr.

Im Nachhinein betrachtet, hat diese Szene mein WARUM gestärkt. Genau deshalb schreibe ich und genau deshalb ist dieses Buch so nötig.

Und mein Mann?

Er hat großartig reagiert. Das hat mich sehr berührt: Er schwieg. Er hat mich weder korrigiert, noch sich über mich gestellt. Er hat sich nicht selbst verteidigt oder versucht, vor dem Gesprächspartner „gut dazustehen“. Er hat einfach geschwiegen. Ich glaube, er hat genau gespürt, dass ich Raum brauchte und diesen Satz nicht stehen lassen konnte. Er hat mich nicht klein gemacht, um sich größer zu fühlen. Seine Stärke lag darin, mich reden zu lassen und meine ihn klein machende Antwort (was ungerecht war) so stehen zu lassen. Im Endeffekt hatte ich ja den gleichen Fehler wie unser Gesprächspartner gemacht. Mein Mann hatte es nicht nötig, sich größer zu machen. In diesem Moment hatte er scheinbar instinktiv erkannt, dass ich diesen Moment der Unterstellungs-Umkehr brauchte, um meine Krönchen wieder gerade zu rücken.

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