Warum Selbstfürsorge kein Luxus ist, sondern die Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung


Es gibt eine Meinung, die ich in letzter Zeit immer häufiger las:

„Achtsamkeit, Yoga, Journaling und so weiter ist alles nur dazu da, mit dem Leid der Frauen Geld zu verdienen. Wir sollten nicht an den Frauen herumtherapieren, sondern an den Strukturen etwas ändern.“

Eine Aussage, die erstmal viel Wucht hat und auch mich zum eifrigen Nicken gebracht hat.
Vielleicht, weil sie etwas in mir getroffen hat, das ich selbst schon oft gedacht habe.
Ja! Warum bin ich wieder verantwortlich, mich zu beruhigen, besser zu organisieren, meinen Stress zu „managen“, um ein System auszuhalten, das gar nicht gut für mich ist?

Und noch etwas stimmt daran:
Vieles, was heute unter dem Label Selfcare verkauft wird, bewegt sich gefährlich nah an „Kosmetik“: Es verschiebt gesellschaftliche Probleme in die Privatsphäre und tut so, als sei Überlastung ein Mangel an Atemtechniken. „Mach mal eine kleine Meditation (zum exklusiven Preis) und das reicht wieder für ’ne Woche Entspannung!“ Als ließe sich der Mental Load wegmeditieren!

Halten wir mal fest:
Selbstfürsorge ist nicht die Lösung struktureller Probleme. Das ist der Ausgangspunkt.

Trotzdem bleibt sie unbedingt notwendig, finde ich! Nicht, um das System erträglicher zu machen, sondern um überhaupt in der Lage zu sein, es zu hinterfragen.

Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung

Medikamente machen therapiefähig, aber oft nicht gesund

Ich komme aus der Welt der Krankenpflege. Dort habe ich folgendes beobachtet:
In der Psychotherapie ist es manchmal so, dass Menschen Medikamente bekommen, damit sie überhaupt therapiefähig werden. Ohne Arzneimittel wären diese Menschen weder in der Lage, an Behandlungen die ihnen gut tun, teilzunehmen, noch hätten sie den Willen dazu.

Das Medikament löst nicht die Traumata. Es verändert nicht die Herkunftsfamilie, die Geschichten, die Verletzungen. Es ändert nicht das Außen.

Aber es verändert die innere Fähigkeit, präsent zu sein.
Es schafft ein Grundniveau an Stabilität, damit der Mensch handlungsfähig wird, sprechen kann, zuhören kann, mitarbeiten kann.

Diese Medikamente heilen selten die Ursache. Aber sie schaffen Bedingungen, unter denen Heilung möglich wird.

Ich sehe Selbstfürsorge ähnlich. Sie heilt nicht die Ursache. Sie verbessert nicht die Betreuungssituation. Sie verteilt nicht den Mental Load neu. Sie schafft keine Rentenpunkte für Care-Arbeit. Aber sie kann helfen, klarer zu sehen. Zu erkennen, was eigentlich verändert werden müsste. Selbstfürsorge ist also nicht die Systemänderung, sondern das Medikament, für den Durchblick.

Das Missverständnis von Selfcare

Wir leben in einer Gesellschaft, die gerne so tut, als könne man individuelle Techniken gegen strukturelle Zumutungen einsetzen. „Kümmern Sie sich um sich selbst, schlafen Sie mehr, trinken Sie Wasser, machen Sie Yoga. Dann wird das schon. Und wenn das nichts nützt, fahren Sie zur Mutter-Kind-Kur!“

Funktioniert natürlich nur begrenzt.
Wer zwei Jobs hat, um die Familie zu versorgen, kann sich nicht einfach „achtsamer organisieren“.
Wer Kinder beaufsichtigt, Eltern pflegt, arbeitet und den Haushalt managt, leidet nicht an fehlender Atemtechnik. Jede Frau, die jemals Mental Load erlebt hat, weiß: Das Problem ist keine fehlende Entspannung. Es ist die Last, alles im Kopf haben zu müssen. Man kann das nicht wegatmen. Auch wenn manche Ratgeber das gern so verkaufen.

Und hier liegt die berechtigte Kritik: Die Wellness-Industrie verdient auf dem Rücken eines Problems, das sie nicht lösen kann. Sie verkauft Augenmasken gegen strukturelle Ungerechtigkeit. Und manche Selbstoptimierungsnarrative schieben Frauen erneut die Verantwortung zu: „Wenn du nur genug meditiert hättest, wärst du nicht so gestresst.“

Das ist perfide. Denn es schafft Schuld. Du bist selber dran Schuld, wenn du es nicht gewuppt kriegst! Andere schaffen das doch auch! Jeder Mensch hat die gleichen 24 Stunden zur Verfügung! Blablabla!

Also: Keine Selbstfürsorge mehr?

Nein. Absolut nicht.
Denn wenn wir diese Kritik zu Ende denken und Selbstfürsorge ganz verwerfen, landen wir in einer Sackgasse: Was bleibt dann?

Dann haben wir einen erschöpften Menschen, der weiß, dass das System ungerecht ist, aber nicht einmal die Kraft hat, darüber nachzudenken, wie es anders werden könnte. Strukturelle Veränderung braucht Energie, Klarheit und Kapazität. Wer ständig den Kopf unter Wasser hat, kämpft ums Überleben, nicht ums Verändern.

Selbstfürsorge ist deshalb kein Luxus, sondern eine Form der Handlungsfähigkeitssicherung. Sie ist nicht die Lösung. Aber sie macht Lösung erst möglich.

Selbstfürsorge als politischer Akt

Wenn Selbstfürsorge nicht als Anpassung gedacht wird („Mach dich fit fürs System“), sondern als Ermächtigung („Ich schaffe mir inneren Raum, um das System zu hinterfragen“), passiert etwas Spannendes:

Selbstfürsorge wird politisch! Weil die Fähigkeit, kritisch zu denken und zu handeln, Ressourcen braucht. Auf welcher Grundlage sollen Menschen Missstände bekämpfen, wenn sie zu tun haben, ihren Alltag zu bewältigen? Eben! Jeder der die Bedürfnispyramide nach Maslov kennt weiß, wovon ich rede.

Vielleicht ist es also für unser patriarchalisches System ganz gut, wenn wir Frauen so viel zu tun haben. Uns fehlt schlicht die Zeit, uns aufzulehnen.

Spott, Lächeln, unterschwellige Angst

Manchmal begegnet Selbstfürsorge Spott oder Lächeln. Männer und häufig auch Frauen besonders ältere Generationen, machen sich über Yoga, Meditation oder Journaling lustig.

Bei Männern liegt es oft an unterschwelliger Angst vor neuer innerer Stärke: Eine Frau, die Klarheit gewinnt und sich stabilisiert, wird handlungsfähiger, kann Grenzen setzen und aufmüpfig werden. Das irritiert die, die gewohnt sind, dass Frauen primär funktionieren. Für andere ist Selbstfürsorge von Frauen ein Zeichen, dass sie „weich“ sind und Selfcare brauchen, sonst funktionieren sie nicht. Was diese Männer dabei übersehen: Wir Frauen tragen meistens die Hauptlast an Verantwortung und Mental Load. Wir arbeiten vielleicht eine geringere Stundenanzahl in unserem Erwerbsjob, aber dafür umso mehr unbezahlt für die Familie. Demzufolge benötigen wir auch einfach mehr Zeit für unsere Regeneration. Und: Männer machen häufig auch Selbstfürsorge, aber sie würden es wahrscheinlich nie so nennen.

Bei einigen Frauen, besonders älteren, hat das Lächeln jedoch eine andere Ursache: Es ist Selbstschutz. Wer den eigenen Lebensweg vielleicht als „falsch“ empfindet, wer Entscheidungen bereut oder Chancen ungenutzt sieht, könnte durch die Beobachtung anderer Selbstermächtigung gezwungen sein, das eigene Leben kritisch zu hinterfragen. Und das tut weh. Ein leises Schmunzeln oder Abwinken dient dann dazu, den eigenen Schmerz zu dämpfen: „Wir brauchten sowas früher nicht!“

So betrachtet, ist jede Reaktion auf Selbstfürsorge ein Spiegel: mal Macht, mal Angst, mal Selbstschutz. Wer aufmerksam hinsieht, kann darin viel über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft erkennen.

Wir brauchen Selbstfürsorge UND Veränderung

Selbstfürsorge muss gekoppelt werden an Fragen wie:

Was brauche ich? Und was müsste sich ändern, damit ich es bekomme?

Wo kann ich Grenzen ziehen?

Was kann ich delegieren?

Was ist eigentlich mein Anteil, und was ist ein gesellschaftliches Problem?


Selbstfürsorge ohne Analyse ist Kosmetik. Der Concealer, der die Augenringe übertünscht. Mit Analyse ist sie ein Werkzeug. Wir brauchen beides: Individuelle Entlastung durch Selbstfürsorge und kollektive Veränderung durch die Gesellschaft.

Wer zur Ruhe kommt, hört oft erst den Lärm von außen und kann spüren, was ihm fehlt. Wer erkennt, was ihm fehlt, hat die Möglichkeit, dass zu formulieren und Grenzen zu setzen. Erst dann kann Veränderung beginnen.

Kann uns Selbstfürsorge nicht nur stärken, sondern sogar transformieren?

Ja! Ich bin davon überzeugt! Selbstfürsorge kann nicht nur der Nährboden für gesellschaftliche Veränderung sein, sondern uns sogar selbst verändern. Das gelingt sicherlich nicht mit ein paar Atemübungen hier und ein paar Pinselstrichen dort. Da braucht es schon etwas größeres mit Langzeitwirkung. Ich nenne es Kokon-Projekte.

5 Kommentare zu „Warum Selbstfürsorge kein Luxus ist, sondern die Voraussetzung für gesellschaftliche Veränderung

  1. Liebe Steffi

    ich gebe dir teilweise recht. Ich gehöre zu den älteren Frauen und wir waren auch oft am Ende unserer Kräfte und immer für alles zuständig. Ich finde, wir Frauen sind verdammt schlecht im Thema Solidarität. Auch über die Generationen hinweg und gegenüber Frauen, die es anders machen als wir damals. Früher haben viel mehr Frauen nicht gearbeitet. Das brachte andere Probleme mit sich. Probleme mit dem Selbstwert, mangelnde Anerkennung, Probleme, loszulassen, wenn die Kinder groß sind und Probleme, danach einen Sinn zu finden. Viele unserer Generation vergessen das. Darüber hinaus stellen die jungen Frauen noch höhere Anforderungen an sich selbst aufgrund von 1000 Leuten, die sagen, was alles angeblich notwendig ist. Und weil man sie als Kunden erkannt hat, gibt es ein Angebot. Das gab es bei uns viel weniger (und das war nicht besser). Und Austausch gab es auch nur im kleinen Kreis. Wir hatten ja keine Stimme, weil es die Kanäle nicht gab. Letztlich würde ich sagen, die Überforderung früher und heute unterscheidet sich nur bedingt. Mein Rat aus meiner Erfahrung: Reduziert euren Anspruch an euch selbst, macht euch frei von zu hohen Erwartungen und lasst uns zusammenstehen und einander helfen, über die Generationen hinweg und in unserer Forderung, unsere Leistung zu sehen und (mainly an die Männer in der Beziehung, Politik, Firma etc) uns zu unterstützen.

    Liebe Grüße

    Jule

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    1. Danke für deine ausführliche Antwort Jule! Ich stimme dir voll und ganz zu, dass wir untereinander solidarischer sein sollten! Wir können nur geschlossen was ändern. Wenn wir Frauen uns gegenseitig fertig machen, sind wir „leichte Beute“ für das Patriarchat. Unsere Mütter wollten es richtig machen. Genauso, wie wir jetzt. Das eint uns und verdient Anerkennung!

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